Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
107
Einzelbild herunterladen

FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

leben einzuwirken warten.

-

-

107

mit welchem Erfolge, bleibt abzu­

4. April 1945.

Das Unwahrscheinliche, hier ward's Ereignis: die Pfarrer sind nicht bloß entlassen, unter ihnen zehn Evangelische; nein, noch mehr: sie sind bereits weg. Abgereist auf Nimmerwiedersehen. Daran ist nicht zu tippen und zu deu­teln, so gern man's täte, aus der alten Dachauer Zweifels­sucht heraus. Es ist ein Faktum, es ist Vergangenheit, ein Geschehnis, eine vollendete Tatsache. Wir können nur auf­atmen und Gott danken und für uns alle das Beste er­hoffen. Walter hat Sonntag die letzte seiner geistvollen Predigten gehalten. Er ist nicht mehr da. Auch unser lieber Reger, dessen Predigten zu dem Besten gehörten, was ge­boten wurde, voller Anschaulichkeit und Tiefe. Freund Ditt­mer ist glücklicherweise nicht unter den Glücklichen. Es wäre für uns Zurückbleibende zu schwer gewesen, wenn wir alle auf einmal verloren hätten. Und Pfarrer Dittmer war derjenige, der unserem Laienkreis durchgeholfen hat, als wir nach des treuen Grübers Entlassung verwaist in un­serer Ecke stunden. Dagegen ist Windgassens, des Evange­listen, Schicksal noch ungewiß, da er nicht eigentlicher stu­dierter Theologe ist er war ursprünglich Schauspieler, was ihn freilich nicht hindert, sachlich mehr von der Theo­logie zu verstehen, als so mancher, der sie an der Universität studiert hat.

-

Wie wird es mit unsern Gottesdiensten werden? Niemand weiß es. Wir merken jetzt erst, was wir an ihnen hatten. Aber wir Laien werden auf keinen Fall auf unsere Zu­sammenkünfte verzichten. Wenn es sein muß, werden wir wieder in unsere Ecken zurückkehren, aus denen wir ge­kommen sind, und ohne Harmonium und Gesang Gottes Wort hören und betrachten.