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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
3. April 1945.
Das große ,, D", seit mehr als einem Jahr meinen Namen auf dem Spindtäfelein angefügt, ist verschwunden, was auf einen größeren Verlust hindeutet, als wenn ich den Doktortitel verloren hätte. Den konnte ich nicht verlieren, denn ich habe ihn nie gehabt. Und jetzt, was hülfe er mich auch viel? Mehr nützte mir das ,, D", das der Stubenpharao nun ausgelöscht hat, und welches ,, Diät" bedeutete und mich auswies als einen Gestreiften, dem das Revier Breikost zu liefern hatte. Ich verdanke diesen unschätzbaren Vorzug dem Pragmatiker aus der Zeit des Porzellans; nun ist also auch die letzte Porzellansäule geborsten. Aus mit der Herrlichkeit! Nein, noch gebe ich mich nicht geschlagen. Der Arzt hat mich mit einem Bescheid abgespeist, der eine halbe Zusage und eine halbe Absage war. Nun steige ich hinter Lichi, den neuen Schreiber, einen Sudetendeutschen, den ich seit jener Zeit kenne, da wir miteinander als Hilfsschreiber debutierten. Weil er einen Brief hinausgeschmuggelt hatte, war er nach dem scheußlichen Natzweiler auf Transport gekommen, hat's aber überlebt und kehrte vor einigen Monaten hierher zurück, um gleich eines der besten Kommandos zu schnappen. Und der ist ein alter Freund von mir und grüßt mich auch nach seinem jähen Aufstieg immer sehr herzlich. Nun also, wozu hat man die Beziehungen? Im Lager ruht alles auf Beziehungen wie übrigens auch sonst in der Welt. Ich veranlaßte ihn also, dem Arzt nochmals meinetwegen auf den Leib zu rücken, was er denn auch mit dem Erfolg tat, daß dieser alle seine Taschen umkehrte und nach dem Zettel suchte, der es an den Tag bringen sollte. Aber er konnte ihn nicht finden oder wollte ihn nicht finden, und so kam nichts an den Tag. Unter Zuhilfenahme einer Spende von drei kostbaren Zigaretten konnte ich indessen meinen Sturmbock zu einem letzten Versuch bewegen, auf des Doktors gestörtes Seelen


