Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

froh er uns, dem Parolenmüller und mir, nach seiner Ein­lieferung ins KZ erzählt hatte, er rechne mit seiner bal­digen Entlassung. Die Stapo habe seiner Frau mitgeteilt, daß er spätestens am 1. Oktober wieder zu Hause sei. Wir beglückwünschten ihn zu dieser guten Aussicht, machten aber beide ein Fragezeichen hinter die Zuversicht, mit welcher der Gutgläubige dem 1. Oktober entgegensah. Der Verlauf gab unserm Zweifel recht: letztes Jahr hat sich der 1. Oktober zum drittenmal gejährt, aber auch das un­erfüllte Versprechen jenes pommerschen Stapomannes. ,, Ge­brochenes Versprechen: gesprochenes Verbrechen."

Vormittags.

Einige Fragen, auf die ich gerne eine Antwort hätte: Wird meine Rasierseife den Krieg noch aushalten? Wie viele Hochwürden werden heute abend noch da sein? Wer wird entlassen? Wer nicht? Werden die Münchner zum Fest an uns denken?- Wird es auch zu einem Laibe für uns Zaungäste reichen, auch für den Knaben Hiob? Hat Angelika meinen Brief erhalten und schickt sie die Brot­marken nun nach München ein? Ist sie überhaupt noch

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in Liebenzell oder ist das Lazarett bereits amerikanisch?- Wird das Lager nun vom Roten Kreuz übernommen oder nicht? Wenn ja, mit oder ohne Deutsche? Wann trifft der Brief der Nachbarinnen ein, und was werden sie mir schreiben über meine Ausbombung? Sind sie selbst auch ausgebombt? Wohin werden sie dann gehen? Hoffent­lich endlich ins Fränkische, ja so, das ist ja nun ameri­kanisch! Habe ich wieder Läuse, oder was bedeutet sonst das unausstehliche Jucken, das ich an den verschie­densten Stellen spüre? Wenn ja: Woher kommen diese Gäste denn schon wieder? War ich nicht die ganze Sonn­tagnacht im Lausebad und hoffte, durch ein genügend Opfer an Kälte und Gestank mir die Freiheit erkauft zu

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