Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

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Staunen: Was ist denn los? Des Rätsels Lösung: das Rote Kreuz aus Schweden ist da und holt die Norweger ab, von denen 500 im Lager sind, und die ausgetauscht werden sollen. Und um dieses Kreuzes willen, das doch kein Haken­kreuz ist, ein solcher Umstand? Beileibe nicht, aber aus Furcht vor den prüfenden Schwedenaugen im Zeichen dieses Kreuzes deswegen die zahlreichen, aufsehenerre­genden dicken Knochen in der Suppe, die doppelte Wurst, der Brei, in welchem der Löffel endlich steht. Im übrigen könnte ihnen ja das ganze Rote Kreuz gestohlen werden, dieses internationale Gewächs, das mit dem Löffel schwäch­lichen Mitleids im Völkerbrei rührt und den Rassenmisch­masch fördert.

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Welcher Haß gegen dieses Kreuz in den Herzen der Herrenmenschen lodert, dafür liefert die Lagerpraxis einen anschaulichen Beweis: einige Gefangene hatten sich nichts anderes zuschulden kommen lassen, als daß sie sich brief­lich durch ihre Angehörigen um Sendungen des Internatio­nalen Roten Kreuzes beworben hatten. Da sie aber Deutsche waren, wurde ihnen das als Charakterlosigkeit angekrei­det, und sie flogen in den Bunker, wo sie sechs Wochen schmachteten.

27. März 1945.

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Mit Riesenschritten geht es dem Ende zu. Die Stunde unserer Befreiung ist nahe, der Gongschlag kann jeden Tag ertönen 5 Minuten vor zwölf. Ein Glück, daß ihre Uhr nachgeht sie hoffen immer noch auf ein Wunder sonst wären unsere Tage gezählt. Gestern schrieb ich nach Aschaffenburg an einen ehemaligen Häftling, der dort eine Brot- Großbäckerei hat, und heute kann ich den Brief schon nicht mehr absenden: denn Aschaffenburg ist ameri­kanisch! Vielleicht ist Liebenzell französisch, so daß der Brief, den ich gestern an Angelika schrieb, sie gar nicht mehr er­reicht.

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