Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF

Rechte sie sich über ihre Peiniger aufregen, wenn sie selber noch viel bösere Hornissen werden, sobald sich Gelegenheit dazu bietet. Dabei sind sie die Schlimmeren, denn die SS kann nicht wissen, wie einem Häftling zu Mute ist, aber ein Häftling kann es wissen, denn er steckt in den gleichen Schuhen. Doch was predige ich andern statt mir selber? Gestern erst ließ ich mich wieder zu einem Ausbruch voll Heftigkeiten gegen den Knaben Hiob hinreißen, dem ich Verschrobenheit vorwarf. Soviel Geduld nehme ich in An­spruch, und so wenig Geduld übe ich! Die Freundschaft war zerrissen, wurde aber heute morgen wieder frisch ge­klebt. Dennoch ist es mir Glaubenssache, daß ER meine volle Heiligung ist. Wer betet da so mächtig für mich, daß mich dieser Strom des Friedens und der Zuversicht durch­strömt, und daß mich eine geheime Kraft wie mit Flügeln vorwärts trägt?-

23. März 1945.

Es ist gnädig abgelaufen: der Abend ging vorüber, ohne daß ich durch einen Aufruf meines Namens erschreckt wor­den wäre. So konnte ich die Nacht statt im Lausebad auf dem Strohsack zubringen.

Der Morgen war wieder recht kalt. Wer aber glaubte, den Mantel anziehen zu können, der irrte sich. Wir mußten die Mäntel auf den Betten liegen lassen wo waren sie auch besser aufgehoben? Die echte Lagernarretei. Nun hät­ten wir endlich Mäntel, aber wir dürfen sie nicht anziehen

so wie wir in Sachsenhausen die Taschen, die wir be­saßen, zunähen mußten. Wie betitelt doch Dostojewski seine Erinnerungen aus dem sibirischen Gefängnis. Ich glaube ,, Memoiren aus einem Totenhause". Unsereiner könnte ein Werk schreiben ,, Aus einem tollen Hause".

24. März 1945.

Seit ein paar Tagen ist der Brei recht schön dick, und die Wursträder sind doppelt so breit als sonst. Allgemeines