Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
53
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DAS ERSTE WETTERLEUCHTEN

53 Tagen hatte ich, nachdem ich in der ärgsten Kälte wochen­lang ohne einen Mantel hatte herumlaufen müssen, auf einmal deren zweie). In die des äußeren schob ich aber die Blutwurst, die wir an diesem Tage von der Fabrik erhalten hatten, und die ich für den Knaben Hiob mitnahm; wer mich aber auf den Einfall brachte, auch noch die russische Grammatik zu mir zu stecken, wer mich auf diesen Ge­danken brachte, weiß ich nicht, ich vermute in Anbetracht seiner Gescheitheit, daß ich es selber war.

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Kurz, es kam, wie es kommen sollte: am Tor mußten wir Spießruten laufen durch eine Gasse von SS- Moguls, die auf uns warteten und nun ihre Opfer herausangelten. Ich hatte Glück, ich kam unbehelligt durch die Kette und wollte schon triumphieren, da hörte ich wie Donnergetöse eine Stimme brüllen: ,, Der mit dem roten Halstuch!" O, ihr Nachbarinnen, das rote Halstuch aus Berlin ! Das war mein Steckbrief; ich versuchte aber die Lage als Vogel Strauß zu retten und nichts zu hören, sondern mit großen Schritten mutig ins Dunkel zu eilen was half's? Im nächsten Augenblick fühlte ich mich am Genick gefaßt und seitwärts gezogen. Ein rotes Halstuch das war von vorneherein verdächtig o, wenn sie erst an die rote Grammatik ge­rieten! Mir graute, doch hatte ich keine Zeit zum Über­legen. Ich hatte aufgehört Subjekt zu sein, war nur noch Objekt, leidendes, duldendes Objekt, mit dem fremde Will­kür anfing, was sie wollte. Aha, eine Wurst! Es war noch nicht die wahre, denn der Capo bestätigte mir die Legali­tät des roten Quaderstücks, schon wollte die durchsuchende Gerechtigkeit mich ziehen lassen, und ich atmete auf, nach­dem ich sämtliche Taschen umgekehrt hatte. Da geriet sie. zufällig an einen verdächtigen Wulsto, ein zweiter Mantel wie kommst du zu zwei Mänteln, sage an, Lieber! Du aber, warum kümmertest du dich nicht um mich, als ich keinen Mantel hatte und wie ein Schneider

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