NEUJAHR 1945 UND: WAS NACHHER KAM 37
zu wenden, ist aussichtslos, da diese hohe Behörde oft genug mit den Langfingern unter einer Decke steckt.
12. Januar 1945.
In einem Anfall von Hunger habe ich mein Sonntags-
brot schon am Samstag gegessen und spielte unter den
schnabulierenden Franzosen, die sich ihre Puddings, Nudel-
und Sardinenbrote schmecken ließen, eine einsame
Rolle. Obwohl ich an meiner gespannten Lage infolge der samstäglichen Verschwendung selber schuldig war, schickte ich doch einen Stoßseufzer zum Himmel, und siehe, nicht umsonst: am Nachmittag, als mein Nachbar einen saftigen
Käse aus seiner Hülle schälte, bekam ich einen gewaltigen
Appetit darauf; doch so groß mein Hunger, so aussichtslos war meine Lage, denn Betteln war noch nie meine Sache. Da höre ich meinen Namen aufrufen. Ein Paket sei da! Wie war es möglich, dazu am Sonntag?! Aber es war sogar wirklich, ein Paket zwar nicht, aber doch ein Päckchen, ‚dessen Adresse ‚die treuherzigen Züge der Nachbarinnen trug. Und was war drin? Zwischen drei süßen Lebkuchen und sechs herben Pumpernickeln ziehen meine zitternden Finger einen währschaften Backsteinkäse hervor. Innerhalb kürzester Frist war nichts als das Papier übrig, und auch dies wäre verschlungen worden, wäre es leichter verdaulich gewesen. Zu spät merkte ich, daß ich für den Knaben Hiob nichts aufgehoben hatte— ja, der hungrige Mann denkt an sich selbst zuerst. 13. Januar 1945. Die große Sensation des gestrigen Abends brachte der Paketzettel, der zur Linken der Stubentür aufgehängt wird, und der wie ein Magnet die Blicke jedes von der Arbeit Zurückkehrenden auf sich lenkt. Es waren nur Namen von Franzosen ; die bekommen’s gleich haufenweise. Den Vogel schoß ein gewisser Miquel ab, der gleich eine Serie von zehn


