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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
Windgasse, der Evangelist, hatte am Samstag ,, Vernehmung". Wenn er gehofft hatté, es handle sich um seine Entlassung, so sah er sich grimmig getäuscht. Für solche Überflüssigkeiten hat man im 6. Kriegsjahr keine Zeit, wahrlich nicht. Dagegen mußte der junge Mann, der ihn examinierte, eine halbe Stunde opfern, um den alten Mann wegen eines Briefes an seine Tochter zur Rede zu stellen. Es handelte sich dabei um die Dreistigkeit, mit der er sich unterfangen hatte, seine Tochter zu bitten, daß sie ihm Brot sende, und zwar gleich jede Woche einen ganzen Laib. Das hatte wenigstens der junge Mann aus dem Briefe des alten herausoder vielmehr hineingelesen, denn seine kostbare Zeit erlaubte es ihm nicht, einen solchen lausigen Brief genau zu lesen. Immerhin, Brot wollte Windgasse haben, das war unbestreitbar, aber der junge Mann wollte ihm weder die Berechtigung zum einen noch zum andern zugestehen und sah sich genötigt, seine äußerst kostbaren Minuten mit dem Versuch zu verschwenden, solch einen von Gelüsten geschüttelten Staatsfeind zu belehren.
Wie gerädert kehrte der alte Mann von dem anstrengenden Unterricht, den ihm der junge erteilt hatte, zurück und bat mich zur Beruhigung seiner aufgeregten Nerven um eine Zigarette eine Bitte, die ich leider nicht erfüllen konnte, weil ich meinen Vorrat, um sie vor den allgegenwärtigen Dieben zu sichern, im Porzellan versteckt hatte.
Man weiß sich gar nicht mehr zu retten vor den forschenden Blicken, die jeden Besitzer von Tabak oder Brot aufs schärfste beobachten; kaum haben sie ein Krümelchen dieser kostbaren Substanzen entdeckt, so ist weder Spind noch Tasche noch Paket sicher vor den Zugriffen der Beutelüsternen, die sich zu wahren Arbeitsgemeinschaften mit verteilten Rollen zusammengetan haben, um die Plutokraten auszuplündern. Sich gegen die Bande an das Block personal


