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FÜNF MINUTEN VOR ZWOLF
er zur Christvesper gehen, und das war, wenn auch das Verbotene oder gerade deswegen?, das weitaus Schönere. Er wird sie auch nicht so schnell vergessen, wenn alle Entlausungen schon längst vergessen sein werden.
Stephanustag, 26. Dezember 1944.
Vierzehn Grad Kälte und diese eisigen Füße! Dazu der Hunger! Der festliche Kartoffelsalat, der in den Vorjahren dem Ereignisse vorausgeeilt war, war in der Vergangenheit stecken geblieben und trotz aller aufgewandten glühenden Wünsche nicht in die Gegenwart herbeizuzerren, das Buch der Lagerparolen um ein leidiges Kapitel vermehrend. Ich hielt mich an die geistige Speise und las die ,, Heiligen Wasser" Heers zu Ende; die Wirkung setze ich gleich derjenigen, die ein guter Plumpudding auf einen Engländer oder eine aromatische Zigarette auf einen Deutschen hat. Wo alles übrigens versagt, wo auch die Kunst verstummen muß, weil die Gaben aus ihrem Füllhorn uns im Innersten leer lassen; wo uns die Kräfte der eigenen Seele verraten, weil sie der Öde nicht standhalten, mit der uns die Welt sinnlos anstarrt:
,, kommt mein Gott und hebt mir an, Sein Vermögen beizulegen"
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das Wort Gottes läßt uns nicht im Stich und beweist eine wunderbare Macht über unsere Herzen. Die Christvesper am Heiligen Abend war eine Oase in der Wüste dieses Wintertages. Die Kerzen, die lieblichen Klänge des Harmoniums, die alten Weihnachtslieder, die feierliche Liturgie alles leitete hin zu dem Höhepunkt: der Weihnachtsbotschaft, gedolmetscht uns modernen Lagermenschen durch Pfarrer Reger. Wie dankbar waren wir ihm, daß er sich nicht damit begnügte, uns in eine billige Stimmung zu versetzen. Jedes Wort eine Hand, die sich öffnete, uns mit reicher Gabe zu beschenken, jeder Gedanke ein ungewöhnliches


