Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
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LETZTE WEIHNACHT IM KZ

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Wir grüßen erstens die Kameraden, die zehn Jahre und länger hier sind zwischen dem elektrisch geladenen Draht. Wenn je von Helden gesprochen werden kann, so sind sie Helden des Duldens gewesen!

Wir grüßen unsere Lieben zu Hause, von denen wir oft nicht wissen, ob sie noch am Leben sind.

Wir grüßen unsere Kinder, denen unsere Hoffnung gilt, um deretwillen wir hier leiden und kämpfen. Wenn wir wieder hinauskommen, so haben wir keine leichte Zeit vor uns. Es gilt für uns, wieder aufzubauen, woran wir in Jahr­zehnten gearbeitet haben, das friedliche Zusammenleben der einzelnen und der Völker, damit sich endlich erfülle, was uns in dieser Nacht zugerufen wurde aus himmlischen Höhen: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohl­gefallen!"

Der gute Mann! Solche oratorischen Fähigkeiten hätte ihm mancher nicht zugetraut. Freilich, er hätte tiefere Klänge aus der Engelsbotschaft anschlagen können. Aber immerhin, es hat der Stube wohlgetan, nach langer Pause endlich ein­mal ein Wort zu hören, das von Herzen kam und zu Her­zen ging, ein menschlich Wort von Liebe und Frieden an Leute, die nur Worte des Hasses und der Miẞgunst zu hören gewohnt waren. Ob freilich die Prophezeiung in Er­füllung gehen wird wer weiß es?

Noch jede Weihnacht von der ersten im Jahre 1939 an haben uns die Propheten versichert: ,, Es war die letzte Kriegsweihnacht, nächstes Jahr ist Friede!" Aber nichts glaubt der Mensch lieber als das, was er wünscht.

Christfest, 25. Dezember 1944. Die menschenfreundliche Hand hat eingegriffen zugunsten des Knaben Hiob : er brauchte sich nicht mehr der unfeier­lichen Prozession zur Entlausung anzuschließen. Das Un­begreifliche war Ereignis geworden: sie fiel aus. So konnte