Teil eines Werkes 
2 (1946) Fünf Minuten vor Zwölf : des ersten Jahrtausends letzte Tage unter Herrenmenschen und Herdenmenschen ; Dachauer Tagebücher des Häftlings Nr. 16921 / K. A. Gross
Entstehung
Seite
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LETZTE WEIHNACHT IM KZ

13 dem andern in den Mund stecken, während es ihnen an einem Stückchen trockenen Brotes fehlt, den knurrenden Magen damit zu stillen?

So flüchten sich viele in die Kunst. Im Baderaum ist Kon­zert angesagt, also den Hocker hoch und durch die Kälte zum Badehause marschiert, um auf den Wogen der Töne ins Land des Vergessens zu schwimmen. Mozart soll gegeben werden und sonst noch Gutes. Ich habe keine Lust- nicht, weil ich Mozart nicht für lagerfähig hielte, sondern weil ich das Gedränge fürchte. Denn es wird noch enger hergehen als auf dem Block, und noch liegt mir der Kinobesuch in den Gliedern vom letzten Sonntag: da ließen sie uns, um uns in der Beständigkeit zu prüfen, eine Stunde lang in der Kälte draußen warten; dann eine Stunde drinnen, um uns in der Geduld zu üben, und wer dann noch keine kalten Füße hatte, der besaß das Attest, daß er nicht nur ein kern­gesunder Mann, sondern auch ein entbehrungsfreudiger Jünger der Kunst sei. Ich bin aus Verzweiflung auf Grund der kalten Füße davongelaufen, auf beide Atteste und den Film dazu verzichtend. In Erinnerung an diese Prüfungen ziehe ich es vor, auf dem Block zu bleiben und einem Kunstgenuß zu huldigen, den ich nicht mit einem Paar kal­ter Socken zu bezahlen brauche. Ich stürze, mich über eines meiner geliebten Bücher und vergesse in seiner Gesellschaft gar bald, ,, was mich quält, was mir fehlt", mit der jahr­tausendealten Selbstsucht der Lesenden.

Es ist dunkel geworden, und sie haben die Schlafdecken vor die Fenster gespannt, welche die Wärme im Zimmer halten und das Licht nach außen abdunkeln sollen. Die elektrischen Birnen sind angeknipst, ihrem Licht fehlt aber die strahlende Fülle eines Festfeuers. Es will keine rechte Stimmung aufkommen:" denn wo die Sache fehlt, verliert sich auch die Stimmung. Und die Sache, das ,, Gott mit uns" des Weihnachtswunders, haben wir die nicht schon längst