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FÜNF MINUTEN VOR ZWÖLF
Der Nachmittag dehnt sich in die Länge. Die wenigsten wissen etwas mit ihrer Zeit anzufangen, die so furchtbar von der Fron der Sklaverei gepreßt sind. Wer es kann, flüchtet sich in die angenehme Unterhaltung des Essens. Wer es kann! Bei den meisten sind die Teller leer und die Spinde chemisch sogar von allen Brosamen rein, bieten also das längst erstrebte Bild der Vollkommenheit, bei dem jedem Stubenältesten das Herz im Leibe lachen muß... Etliche Einspänner, die sich um dieses Ideal der Ordnung nicht kümmern, sich aber trotzdem ganz glücklich fühlen auf der niedrigeren Stufe, die sie erreicht haben, treffen geheimnisvolle Vorbereitungen, als ob sie sich selbst zu Weihnachten überraschen wollten-wer weiß, vielleicht durch ein Festmall? Da wird, unklar ist's aus welchen Winkeln und unordentlichen Hintergründen, Margarine herbeigeschleppt, werden Kartoffeln geschält, da wird mit Mehl hantiert, mit Knochen jongliert, mit Eiern geprunkt, mit Zucker versüßt, und bald ist's nicht mehr zu verbergen: holde, süße Düfte dringen vom Ofen her an die Nasen der Zaungäste, die nur von den Gerüchen leben, und denen Tantalusqualen zu erdulden, am Heiligen Abend nicht erspart bleibt. Denn arm und reich stoßen hier viel unvermittelter aneinander als sonstwo in der Welt, und das in einer Gesellschaft, die doch ganz auf gleich und gleich aufgebaut ist, nachdem wir alle in sie im Baderaum mit Adams Kleidung eingetreten waren und alle Unebenheiten, die uns draußen einschließlich der hohen Titel und Orden noch anhaften mochten, mit dem Brausebad weggespült hatten. Oder wo sonst sind die Armen genötigt, mit den Reichen an einer Tafel zu sitzen und bei hungrigem Magen, gelüstigem Gaumen und gieriger Seele die Düfte einzusaugen, die von lecker bereiteten Pfannkuchen aufsteigen: dazu mit traurigem Lächeln anzusehen, wie die beati possidentes( die glücklichen Besitzer) einen fetten und süßen Bissen nach


