LETZTE WEIHNACHT IM KZ
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zur Unterrichtung, dies sei das erstemal, bei der sechsten Lagerweihnacht, daß er überhaupt etwas bekomme.
Der Knabe Hiob lebt in tausend Ängsten; der Teufel droht ihm einen argen Strich durch die Weihnachtsrechnung zu machen: bei der Lauserei haben sie gestern abend wahrhaftig eine Laus in seinem Hemd ausspioniert. Er behauptet zwar, es sei keine Laus, sondern nur ein Läusebastard aus Kattunwolle gewesen. Aber wer die Macht hat, hat auch das Recht, auch das Recht der Auslegung, ob ein Gebilde den echten oder den Bastardläusen zuzurechnen sei. Und so wird er denn in den sauren Apfel beißen und sich statt dem illegalen Zug zur Christvesper der legalen Prozession zum unfeierlichen Entlausungsbad anschließen müssen. Die Hygiene über alles, auch am Heiligen Abend, und wenn sie mit dem Opfer der Gesundheit erkauft werden müßte- das ist wohl klar; die klare Dachauer Logik in ihrer auf dem ganzen Erdball anerkannten Schärfe will es einmal so und kann auch am heutigen Abend keine unhygienische Ausnahme gestatten: wo kämen wir da hin? Meist dauert die wichtige Prozedur mit all ihren Schikanen vom Mittage des Sonntags bis zum andern Morgen. So winkt ihm die tröstliche Aussicht, die Heilige Nacht im Entlausungsbad zubringen zu müssen, wenn der nicht in die Speichen des Geschehens eingreift wie schon so oft, der in dieser Nacht seine Menschenfreundlichkeit in besonderer Weise aufleuchten ließ.
Einen Baum hat der Stubenälteste gemacht, der sich sehen lassen kann. Er ist über und über bedeckt mit herrlichen Silberfäden, so daß vom Tannengrün nichts mehr zu sehen ist. Mit den Lichtern ist es indessen traurig bestellt: ein einzig bleichsüchtig Kerzlein hält die Wacht. Dafür prangen an vielen Ästen rote Papierrosen, die glänzenden Glaskugeln notdürftig ersetzend, in welchen sich ehedem der Schimmer der Kerzen so reizend und tausendfältig spiegelte.


