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Dachau : Erlebnisse im Konzentrationslager / von Konrad Wüest Edler von Vellberg
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mit der hohnvollen Anrede:Deutsche Männer in Häftlings- kleidung! Mehrmals im Jahre erstattete sie Hitler Bericht über das Lager. Man sage also nicht, daß dieser Mann von den Scheußlichkeiten in den Konzentrationslagern nicht un- terrichtet gewesen wäre. Er war sehr genau unterrichtet. Diese Bestien, die die Häftlinge aufs fürchterlichste drang- salierten, waren ja alle Fleisch von seinem Fleisch. Waren es Hunderttausende, die in den Konzentrationslagern seinen Trabanten ausgeliefert waren, so blieb es ihm vorbehalten, sein eigenes Volk in der Gesamtheit, ja die Völker Europas zu quälen und zugrunde zu richten. Das ganze Jahr über beschäftigte jene Krankenschwester Pia ein Arbeitskommando von drei bis vier Mann aus Dachau in ihrem Münchener Haushalt. Dort nun hatten die Häftlinge Gelegenheit mit eigenen Augen zu sehen, daß nur das breite Volk Mangel an Lebensmitteln kannte. Hier waren die Bestände, wie übrigens allgemein bekannt, bei allen Bonzen und Ober- bonzen des Naziregimes nach jeder Richtung zum Bersten angefüllt. Sie waren ja auch für die stetig zunehmenden Prassereien eine zwingende Notwendigkeit. Doch nicht nur den Bedarf an Arbeitskräften ließ sich Schwester Pia aus Dachau decken, nein, auch den Bedarf an Mannsbildern, wie man in Bayern so schön sagt. Damit suchte sie die Lücke auszufüllen, die Alter und Mangel an Schönheit ihr gelassen hatten.

Diese Verzweifelten oder der Verzweiflung nahe stehen- den trugen sich mit schweren Gedanken. Sie schritten durch die Tiefe des Lebens. Jeder aber, der die Tiefen und Höhen des Lebens kennen gelernt hat, weiß erst Kameradschaft zu

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