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Henker und Heilige : eine Erzählung aus unseren Tagen / Paul Kowollik
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ebenso junge Soldat des Dritten Reiches gegenüber. Sie waren beide bewaffnet. Der Soldat mit einem schußbereiten Karabiner und der Priester mit dem Schwerte des Glaubens. Mit einem Griffe hatte der Soldat dem Priester seine Mütze vom Kopfe gerissen und warf diese hinter sich. Wie eine Diskusscheibe flog die runde Kopfbedeckung hinter die Postenkette und lag nun zwischen blühendem Klatschmohn.

Holen Sie sofort Ihre Mütze! befahl nun der SS-Mann, und der Priester ging. Eilig durchmaß er die zehn Schritte, die ihn von der fortgeschleuderten Mütze trennten. Aber noch eiliger war die abge- feuerte Kugel aus des Postens Karabiner, die den Kopf des sich nach der fortgeworfenen Mütze Bückenden zerschmetterte. Da lag er nun, ein Märtyrer des Glaubens, und sein Blut färbte rot die Gräser zwischen dem rotblühenden Mohn. Er war ja auf der Flucht mit Recht erschossen worden, denn sein entseelter Körper lag hinter der Postenkette. Und wer wollte etwas anderes behaupten und sagen, daß dies keine Flucht, sondern Mord, nur Mord war? Wohl keiner!

War der Tod allen Gefangenen ein täglicher Gast, so war das ganze Arbeitskommando über diesen Mord doch tief erschüttert und niedergeschlagen. In der halbstündigen Mittagspause würgte ich ein paar trockene Bissen Brot hinunter, und eine unendliche Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit faßte mit kalter, beklemmender Hand nad meinem Herzen. Ich lag im Grase und starrte mit tränenerfüllten Augen nach oben, als wollte ich dort eine Antwort auf das Schreien und Fragen meiner in Qualen des Leides und der Zweifel sich windenden Seele finden. Und der Himmel gab sie mir durch den Kameraden, der sich neben mir in das Gras setzte und zu beten begann:

Ein Wurm bin ich, kein Mensch; der Leute Spott, des Volkes Aus- wurf. Denn alle, die mich sehen, höhnen mich, sie lästern mich und schütteln ihren Kopf. ‚Er hat doch auf den Herrn vertraut; der mag ihn befreien! Erbarme dich meiner, Herr, ich bin bedrängt. Befreie mich, entreiße mich den Händen meiner Feinde und Verfolger. Herr, lass mich nicht zuschanden werden, ich rufe zu dir! O Herr, du mein Erretter vor der Wut der Heiden, du wirst mich über meine Gegner hoch erheben, vom ungerechten Mann mich befreien!

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