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I.
Das Dorf Kokoschkino war ein Teil der Reschew- Front. Es war so gründlich zerstört, daß es eigentlich nur auf den Landkarten der Militärs existierte, denn von den Häusern waren kaum noch Spuren aufzufinden. Seine Bewohner lebten in Erdlöchern wenig mehr als einen Kilometer hinter der Front, und es waren dies ausschließlich alte Männer, Frauen und Kinder. Ihre Zahl schrumpfte von Woche zu Woche, denn Hunger und Typhus zogen dort ein, wo das Kriegsgespenst sich niedergelassen hatte. Unter den Frauen befanden sich mehrere junge Mädchen, die den Deutschen die Wäsche waschen mußten und dafür Brot für sich oder Tabak für den alten Vater erhielten. Unter ihnen befand sich Niura, die mit ihren noch rüstigen Eltern ein gegen leichte Bomben und Granaten abgestütztes Erdloch bewohnte.
In diesem Ort lag meine Truppe. Obwohl sie zu einer thüringischhessischen Division gehörte, so bestand sie doch größtenteils aus Rheinländern und Schlesiern. Die Kampftruppe hatte nur wenig Verbindung mit der Zivilbevölkerung, zumal da der Kompaniechef einen Verkehr mit den Russen nicht duldete. Es hieß aber allgemein, daß er in der Stadt Reschew eine schöne, schwarze Russin als Liebchen hätte, und er wurde in seiner Einheit nur der Huren- Erwin genannt. Wenn er nach der Stadt fuhr, so mußte ihm der Küchenbulle ein großes Freßpaket und einige Pullen Schnaps richten. Was der Alte in größerem Stile betrieb, das wurde in kleinerem Ausmaße in der Kompanie vom Feldwebel bis zum jüngsten Grenadier geübt. Feldwebel Riemer vom 3. Zug trug seine übrigen Kommißbrote zu einer jungen Hebamme, die deutsch
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