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Henker und Heilige : eine Erzählung aus unseren Tagen / Paul Kowollik
Entstehung
Seite
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Lautsprechern ertönte unheilverkündend des Lagerführers Stimme, so daß die im bleiernen Schlaf liegenden Gefangenen gleich einem Schwarm aufgescheuchter Vögel erschrocken in die Höhe schnellten. ‚Alarm! Alarm! In drei Minuten steht alles auf dem Appellplatz! dröhnte es durch die Nacht.

Auf der breiten Lagerstraße wälzten sich nun die zebragestreiften Menschenhaufen und nahmen auf den für die einzelnen Blocks vorge- sehenen Plätzen Aufstellung. In ihrer Mitte schleppten sie die Kranken und die Sterbenden und starrten mit verschlafenen Augen in das grelle, bläulich-weiße Scheinwerferlicht, das sie wie der Tod mit knöchernen Armen vor ein Tribunal zu zerren schien. Das Tribunal war hier der Kommandant mit seinen bezechten Genossen.

Das Eingangstor zu KA-EL-BU besteht aus einem Durchbruch in einem einstöckigen Bau, der auf der einen Seite mehrere Verwaltungs- räume und auf der anderen Seite ein halbes Dutzend Straf- und Folter- zellen enthält. Der niedrige Bau wird von einem Turm gekrönt, welcher von einem Laufgang umgeben ist. Auf diesem patrouilliert Tag und Nacht ein Wachtposten, der von seiner beherrschenden Höhe aus die ganze Barackenstadt übersieht. Ein Maschinengewehr steht dem Posten zur Verfügung, mit dem allein sich ein großes Blutbad anrichten ließe. Da aber die anderen Wachtürme an dem elektrisch geladenen Lagerzaun ebenfalls Maschinengewehre aufweisen, so sehen die Gefangenen wohl über sich den Himmel der Freiheit, um sich aber den sie höhnisch an- grinsenden Tod. Der Turm am Eingangstor besitzt auch eine Uhr, und keine andere Uhr auf diesem Erdenrund wird mit so viel Sehnsucht und Wehmut angeschaut und angestarrt wie diese. Der eingelieferte Häftling zählt zuerst die Stunden seiner Verdammnis, dann nur noch die Tage und die Wochen, um sich endlich wie ein gebändigtes Tier in sein Geschick zu fügen. Doch bei den endlosen Morgen- und Abend- ıppellen bringt diese Uhr ihnen allen immer wieder zum Bewußtsein, laß es noch eine Zeit gibt, die weiterrinnt trotz aller Marter und Schmerzen in KA-EL-BU.

Mit solchen Gedanken schaute ich in dieser Nacht auf das hell- ‚rleuchtete Zifferblatt der Lageruhr, und 18000 Augenpaare mochten

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