Eines war an Bord der ,, Patria" bezeichnend: der Korpsgeist lebte weiter bei den gewesenen Offizieren des damaligen OKW. Dönitz und seine Mannen konnten es den sie vernehmenden englischen Offizieren nicht verzeihen, daß als Dolmetscher ein Oberfähnrich fungierte, und dieser dem Admiral gegenüber weder Haltung einnahm noch den einstigen Rang als höchster Offizier respektierte. Sämtliche Rangunterschiede waren durch den Dolmetscher- Offizier beseitigt. Hier hatte selbst der Admiral dem Oberfähnrich als Dolmetscher die geforderte Auskunft zu geben und mußte sich notfalls noch von diesem Zurechtweisungen gefallen lassen.
Recht interessant gestaltete sich die Vernehmung des ehemaligen Ministers Seldte , der auf Fragen Antwort zu geben hatte, die seine politische Einfluß- Sphäre betrafen. Mit allen Mitteln versuchte er sich als völlig unbedeutenden Mann unter der Fuchtel Dr. Leys hinzustellen, was bei seinem biederen und harmlosen Auftreten fast glaubhaft erschien.
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Überhaupt stellte sich bei allen Verhören( seien es nun ,, große" oder kleine" Leute gewesen) heraus, daß niemand irgendwelchen Einfluß hatte eine Tendenz, die uns auch später aus den Kriegsverbrecherprozessen sattsam bekannt wurde. Schweren Kummer bereitete den Offizieren um Dönitz die Aufhebung der Rangunterschiede und das Fortfallen der Grußpflicht für die ,, Untergeordneten" und die Mannschaften. Es fanden sich unter den Stabs- und Verbindungs- Offizieren immer noch einige widerliche ,, Schleimer" darunter, als kleines Beispiel ein Kapitänleutnant Walkerling, der wohl einer der typischen kleinen Figuren jener Tage war.
Mit einer devotischen Unterwürfigkeit grüßte er jeden kleinen alliierten Wachposten oder Messediener mit ,, good morning", während er die ,, Ehrenbezeigung"( damals noch vorgeschriebene Grußpflicht gegenüber den deutschen Offizieren) seiner Landsleute überhaupt nicht beachtete ihnen gegenüber sogar noch den ,, wilden Mann" markierte.
Größere Truppen verbände der Alliierten waren am 13. Mai in Flensburg eingerückt und belebten das Straßenbild. Die Regierungs- Enclave in Mürwik wurde nicht besetzt. Die Regierungsmitglieder um Dönitz konnten sich ebenso frei bewegen, wie etwa Löwen, Paviane, Gemsen usw. in den Freigehegen bei Hagenbeck.
Der 18. Mai brachte eine kleine Programmänderung. russische Militärdelegation traf in Flensburg ein und begab sich an Bord der ,, Patria", wo immerhin ein ganz gutes Einvernehmen festzustellen war. Alliierte und deutsche Offfiziere bewegten sich zwanglos untereinander, als hätte eine Kapitulation überhaupt nicht stattgefunden. Auch ich konnte unangefochten in alle Räume an Bord gelangen; niemand fragte nach meinem Begehr oder meinen Befugnissen. Überall erhielt ich die gewünschten Auskünfte bedenkenlos, so daß ich annehmen mußte, als ein übergeordneter Informator in Zivil gehalten zu werden. Inzwischen näherte sich die Dönitzoperette dem dritten Akt, der jedoch in der Schlußszene erheblich von dem abwich, was man sonst in Operetten zu erwarten pflegt.
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