Nachdem der Tod Adolf Hitlers bekannt geworden war, gab es ein Tohuwabohu in Heer und Flotte. Für die Soldaten war der Krieg zu Ende; sie wollten nach Hause und vor allem der Kriegsgefangenschaft entgehen. Anders die Offiziere; sie wollten weiterkämpfen, zunächst um ihre Position zu retten, und scheuten sie nicht davor zurück, die sog. Disziplin mit Erschießungen aufrecht zu erhalten. Noch in den ersten Tagen des Mai wurden im dänischen Sonderburg vierzehn Marine- angehörige standrechtlich erschossen der Aufrechterhaltung der Disziplin wegen,

Die bereits in Eilmärschen vorrückenden britischen Trup- penverbände Montgomerys bewirkten, daß am 5. Mai eine Teil- kapitulation der deutschen Streitkräfte erfolgte. Danach hatten auch die Schiffe ihre gegenwärtigen Häfen und Ankerplätze nicht mehr zu verlassen. Der Kapitänleutnant Sander in Sonder- burg war gegenteiliger Meinung; er wollte weiterkämpfen und stellte noch ein Bataillon zusammen, mit welchem er das bereits gefallene Berlin retten und gegen Rußland den Krieg weiter führen wollte.

Um die Kriegsstimmung erneut anzutachen, arrangierte Sander am 5. Mai einen Kameradschaftsabend, auf dem er von Weitermachen oder Gefangenschaft und vor allem von der Auf- rechterhaltung der Disziplin redete. Seine Ausführungen gip- felten in den Worten: Der Wiederaufbau kann nur im Geiste des Nationalsozialismus erfolgen!

Daß die Kriegsstimmung vollends geschwunden war, wurde sehr bald offensichtlich. Der Matrose Wehrmann und drei seiner Kameraden wollten nicht weiter mitmachen; nach Hause zu kommen, war ihr sehnlichster Wunsch, denn ihr Bedarf an Krieg und Gefangenschaft hinter Stacheldraht war mehr als reichlich gedeckt. Sie kamen nicht weit, eine Gruppe- nischer Widerstandskämpfer griff sie auf und brachte alle vier zum Bataillon Sander zurück, wo sie zunächst an Bord des SchnellbootesBuea in eine Zelle eingesperrt wurden.

Noch in der Nacht zum 6. Mai verließ die Schnellboot- einheit einschließlich derBuea Sonderburg und ging in der Geltinger Bucht vor Anker, obwohl laut Anordnung Montgo- mervs das Verlassen der Liege- und Ankerplätze, wie das Selbst- versenken von Schiffen untersagt war. Sander ein Fanatiker und Streber und im Innern seines Herzens verbissener National- sozialist ließen diese Anordnungen, welche die Waffenruhe betrafen, kalt.{

Der 6. Mai verlief ruhig. Alles wartet auf das Kommando bis zum 7. Mai, als in der Frühe gemunkelt wurde, daß die Schnellboote gegen Rußland eingesetzt werden sollen. Gegen 19 Uhr wurde auf derBuea bekannt, daß die Kapitulation mit allen Feindmächten abgeschlossen sei und um 24 Uhr die kriegerischen Handlungen beendet waren. Am 8. Mai sollte in der Geltinger Bucht die Übergabe vor sich gehen. In den Vor- mittagsstunden legten die Schiffe nebeneinander; anschließend wurde die Flagge niedergeholt und das Deutschlandlied gesungen. Am 9. Mai abends kam noch ein Kurlandboot zurück, welches sich gleichfalls in die Reihe der Schnellboote eingliederte.

16 Lienau, Zwölf Jahre Nacht 241