Hunger konnte die Kräfte nicht lähmen, nein, er spornte nur noch an; das Letzte gab der Mensch her, wo.es zalt, der Freiheit entgegenzueilen.

Es war gegen Mittag des 3. Mai 1945, als die ersten Trupps der Konzentrationäre an der amerikanischen Demarkationslinie eine Brücke beim Püsserkrug südlich Schwerin eintrafen. Nach kurzen Besprechungen zwischen dem amerikanischen Offi- zier und den Dolmetschern der Politischen , betraten die Ver- femien des Hitlerregiments nach langen Jahren der Knecht- schaft wieder den Boden, auf dem sie sich als freie Menschen bewegen konnten.

Jetzt vermochten sie frei zu atmen, niemand brauchte zu fürchten, daß die SS ihm noch ein Leid zufügen würde. Das Blatt hatte sich gewendet. An der Stelle, wo die Konzen- trationäre den Boden der Freiheit betraten, wurden nunmehr die mitfolgenden SS-Wachtmannschaften von den Alliierten ver- haftet. Selbst diejenigen SS -Banditen, welche sich inzwischen Zivilkleidung beschafit hatten oder sich in der Kleidung er- mordeter Häftlinge zu tarnen versuchten, wurden gar zu bald von den wachsamen Häftlingen entdeckt und der ameri- kanischen Militärpolizei übergeben.

Unaufhörlich fluteten die Scharen der Flüchtlinge mit ihren Wagen oder als Fußgänger über die Brücke beim Püsserkrug und konnten sich nun gleichfalls die erste Ruhe gönnen. Was von der flüchtenden Wehrmacht nicht schon an Waffen aller Art, Panzerfäuste usw. weggeworfen wurde, mußte bei den 3esatzungstruppen abgeliefert und auf einen Haufen geworfen werden,

Es war eine große Völkerwanderung, eine Invasion, welche Schwerin noch nicht erlebt halte. Wüst lag alles durcheinander. Herrenlose Pferde weideten am Straßengraben und auf den grasbewachsenen Plätzen. Heeresgut in rauhen Mengen lürmte sich auf.

Ein Chaos war an Stelle der Ordnung getreten. So sahen die Straßen Adolf Hitlers aus. Es wollten die Offiziere der Wehrmacht nichts mehr davon hören, wenn ihnen die Häft- linge zuriefen:Seht sie Euch an, die Straßen Adolf Hitlers , hier habt Ihr die Kehrseite des Hitlerregimes, hier sind seine Straßen, auf denen sein trauriger Ruhmerlosch! Nichts wollten die Herren mehr von ihrem einstigen Führer wissen, nur weiter bis sie ein Kriegsgefangenenlager der Amerikaner aufnahm. Tagelang noch ergoß sich der Strom der Flücht- linge, untermischt von Wehrmachtsangehörigen über die De- markationslinie. Sie alle hatten jetzt die Straßen Adolf Hitlers bis zur Neige genossen.

Etwa 42000 Häftlinge, Männer, Frauen und Kinder halten vierzehn Tage zuvor Sachsenhausen verlassen. Kaum 28 000 hatten die amerikanische Demarkationslinie bei Schwerin er- reicht. Das Minus von 14000 ergaben die auf dem Todesmarsch durch Mord, Hunger, Kälte und Entkräftung ums Leben Ge- kommenen. Nur einem kleinen Teil war es während des Mar- sches gelungen, zu entkommen, sich zu verbergen oder sich

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