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Zwölf Jahre Nacht : mein Weg durch das "Tausendjährige Reich" / von Heinrich Lienau
Entstehung
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ins Wanken gerieten. Die Häftlinge mußten in den Baracken bleiben, was sehr schwer hielt, weil eine Panik auszubrechen drohte. Dennoch gelang es wiederum, die Ruhe zu bewahren; nach etwa einer Stunde wurde entwarnt. Wann würde der nächste Alarm kommen? Vielleicht am Nachmittag zum Fünf­Uhr- Tee. Nichts geschah. Um zwanzig Uhr gaben die Laut­sprecher den üblichen Sermon zum Besten, und Josef Goebbels sprach über den Geburtstag des ,, Führers": Wir siegen, wir müssen siegen, wir werden siegen; und warum müssen wir siegen? Weil wir unsern ,, Führer" haben... rrrr Bummmm.

Aus!

Irgendwo war der Draht gerissen oder vielleicht auch eine Bombe dazwischen geraten. Auf jeden Fall erhielt das Lager den Sermon über den Endsieg an diesem Abend nicht mehr, selbst die Wehrwolfmeldungen blieben aus, und so mußte man ohne Kenntnis der gegenwärtigen Standorte der sagenhaften Wehrwolfverbände den verödeten Lautsprecher verlassen und eigenen Gedanken nachgehen, die sich mit dem beschäftigten, was wohl in den nächsten Stunden geschehen würde. Um 23 Uhr war programmäßig Fliegeralarm, und gerade an diesem hohen Tage durfte bestimmt mit einem verstärkten Einsatz gerechnet werden.

Das Lager war schlafen gegangen. Ruhe auf der ganzen Linie. Ich hätte Wache gehabt, doch ein jüngerer Kamerad löste mich ab und stülpte sich die Gloriahaube( italienischer Stahlhelm) über den Kopf und torkelte hinaus in die Nacht. Mitternacht war längst vorüber, und immer noch dieselbe Ruhe. Gegen zwei Uhr morgens kam ein Blockführer eilends über den Appellplatz zum Lagerältesten: Sofort zum Komman­danten! Nach zehn Minuten war er zurück und unterrichtete zunächst die Blockältesten der benachbarten Baracken davon, daẞ früh um sechs Uhr das gesamte Lager evakuiert würde.

Unwillkürlich stellten wir uns die Frage: Wohin? Von allen Seiten rückten die Alliierten heran. Und doch war es so. Zweiundvierzigtausend Menschen, Männer, Frauen und Kin­der sollten in Marsch gesetzt werden, eine Armee im Stadium des Verhungerns, sie sollte zunächst in vier Tagen 80 km in Richtung Nordwesten zurücklegen, wo als mutmaßliches Ziei die Stadt Wittstock angegeben wurde.

Als Verpflegung für diese vier Tage war vorgesehen ein Brot( 1500 g), und für je vier Häftlinge 1 Kilo- Dose Blutwurst ( Schlimme Augenwurst) oder Leberwurst( Chausseestaub- Paste). Noch vor dem Wecken war Leben im Lager; denn eine der­artige, einzig dastehende Nachricht ging im Rundfunktempo von einer Lagerstatt zur anderen. Freiheit! war der Ruf durchs Lager. Der Tag war da, auf den alle seit Jahren sehnsüchtig gehofft hatten und während des Schlafes war dieser große Tag gekommen.

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Noch bevor die Abschiedsbrühe ausgegeben wurde, ent­wickelte sich auf dem Appellplatz ein reges, buntes Durchein­ander, das einer großen Völkerschau glich; auch die freigelas­senen Frauen aus der Internierung tummelten sich zwischen den Häftlingen, und bald waren sich die Paare einig darüber,

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