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Zwölf Jahre Nacht : mein Weg durch das "Tausendjährige Reich" / von Heinrich Lienau
Entstehung
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das Lager zum Vernichten ausersehen. Zum Glück kamen keine Häftlinge ums Leben; es wurde auch klar, daß die ins Lager gefallenen Bomben lediglich Fehltreffer waren. Nach einigen Stunden war wieder Ruhe im Lager eingekehrt. Der Abend brachte den üblichen Alarm, doch fielen keine Bomben ins Lager.

An den nun folsenden Tagen nahm die nervöse Stimmung der Lagerführung und eines Teils der SS sehr zu. Es hatte den Anschein, als würde vielleicht die SS türmen, weil sie die schon in nächster Nähe des Lagers befindlichen russischen Truppenverbände fürchtete. Blockführer bewesten sich teil- weise fast kameradschaftlich zwischen den Häftlingen, fochten Zigaretten und erörterten die nunmehr geschaffene Lage. Nichts war mehr vom Hoffen auf den Endsieg zu spüren.

Die abendlichen Wehrmachtsberichte von den Lautsprechern über den Appellplatz posaunt, verrieten ebenfalls, daß sich die militärische Lage in den letzten Tagen vernichtend geändert hatte Nach dem Wehrmachtsbericht tauchte plötzlich eine neue Attraktion auf, der Wehrwolfbericht, offenbar berechnet, dem Volke die wirkliche Lage zu verschleiern. In abgehackten Worten hörte man: Cäsar sechs über elf nord, und dergleichen unverständliche Sentenzen mehr.:

Nach eingetretener Dunkelheit bewesten sich die ‚Damen des horizontalen Gewerbes Henny, Gretchen, Margrit und wie sie sonst hießen, auf dem Appellplatz und gingen Arm in Arm mit Häftlingen zwischen den Baracken; die Kasernierung der Zwangsproslituierten bestand nicht mehr. Der Lagerführer Höhn fand sich eines Abends inmitten des Abendbummels und wurde angerempelt ohne daß er protestierte oder den be- treifenden Häftling notierte oder in den Bunker bringen ließ, wie es vor einiger Zeit bestimmt geschehen wäre.

Die Arbeitsfreudigkeit ließ merklich nach, es fiel auch gar nicht mehr auf, daß die Arbeitskommandos oftmals nur in halber Stärke ausrückten, Lockerungen überall, von Tag zu Tag. Der 20. April 1945 war angebrochen Hitlers Geburts- tag. Was wird er bringen? Kaum anzunehmen, daß Ent- lassungen, von denen schon längst nicht mehr die Rede war, vorgenommen würden, außer. jenen, die täglich in Scharen durch die Schornsteine des Krematoriums gingen. Und doch lag es im Gefühl, daß sich etwas Besonderes ereignen würde.

Ein Bombardement, wenn auch nicht des Lagers, stand fest; die Alliierten würden Adolf doch sicher Ovationen bringen in Form glühender Metallspenden, Feuerblumenbuketts von be- sonders eroßen Ausmaßen, wie sie es in den letzten Jahren stets an seinem Gebur tstag zu tun pflegten. Das Lager brauchte nicht lange nachzusinnen und zu warten. Um 11 Uhr vor- mittags ging der Höllenspektakel los Rund um das Lager herum gingen die wohlgezielten Bomben nieder. Die Werk- stätten waren leer, denn in Erwartung großer Dinge rückten keine Arbeitskommandos aus.

Pausenlos donnerten die Bomben hernieder und rüttelten die rn derart durcheinander, daß die Spinde und Öfen

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