Selektionen, d. h. das Aussuchen der Opfer für die Gaskammer nahm fast täglich, doch für die Mehrheit des Lagers.un- bemerkt, seinen Fortgang. Die Verbrennungsöfen spieen Tag und, Nacht ihre übelstinkenden Rauchwolken über das Lager und deren Umgebung, stündlich kündend, daß das Morden am laufenden Band nicht die geringste Unterbrechung erfuhr. Es wurde auch nicht weiter zur Notiz genommen, daß täglich ein- bis zweimal Fliegeralarm war; daran hatten sich. schon die Lagerinsassen mit der tröstlichen Versicherung gewöhnt, daß ihnen nichts von Seiten der alliierten Flieger geschehen würde.
Aber dennoch geschah etwas Neues. Man traute der SS nicht mehr, besonders der deutschen SS mißtraute man sehr und war höheren Orts nicht mehr der Meinung, daß sie beim Näherrücken der alliierten Heeresgruppen im Lager aushalten würde. Man traute ihr zu, daß sie„türmte“, und dann die Häftlinge sich selbst überlassen werden müßten.
Es wurde daher eine neue Formation geschaffen: die Häftlings- polizei. Da man wohl schwerlich die Berufsverbrecher dazu heranziehen konnte, so wurden für diese Gruppe ausschließlich Politische genommen und zwar„Freiwillige“, die, etwa 500 Mann stark, in beiden am Appellplatz liegenden Baracken 1 und 2 zusammengezogen würden. Zum größten Teil handelte es sich um gediente Soldaten oder doch um Leute, die mit dem Gewehr umzugehen verstanden. So waren auch Jäger, ehemalige Fremdenlegionäre usw. darunter, mit denen sich reden ließ. Die Uniform war schon zur Stelle, nur Gewehre und Munition fehlten. Auch dieses alles sollte noch kommen. Die Führung der Häftlingspolizei oblag dem Blockältesten im Block 1, Arthur v. Lankisch-Hoernitz, kriegsversehrter Offizier des ersten Weltkrieges, alter Politischer und zuverlässiger Ka- merad. Ich wurde sein Schreiber und Stellvertreter.
Bei den SS-Wachtmannschaften sah man fast täglich neue Gesichter. Es ging das Gerede, daß die durch Mord und Bru- talität„stark belasteten“ Blockführer— um allen Eventuali- täten vorzubeugen— in andere Lager versetzt seien, wo man sie nicht kannte. Man ahnte mit Recht die Rache der Häft- linge bei einem„Umschwung“, der durch das Näherrücken der alliierten Truppen ohne weiteres gegeben war. Zwar hatte u. a. der Lagerführer Kolb, ein Zyniker von Rang, häufig den politischen Kameraden gegenüber bemerkt:„Noch sind wir die Herren!“ mit der Betonung des Wortes: Noch! Doch ver- spürte man in diesen Worten schon den Unterton der Unsicher- heit, welche durch die katastrophale und militärische Lage gegeben war.
Keineswegs wollte sich die Lagerführung eine Blöße geben, die uns in der Mehrheit längst erkennbar war. Man sang auch noch prahlerisch: Heute gehört uns Deutschland und mor- gen die ganze Welt!, obwohl schon feststand, daß es in Kürze lauten würde: Heute gehört uns Deutschland und morgen der ganzen Welt!
Inzwischen wurde bekannt, daß tatsächlich ein großer Teil der Lager-SS zur Front einberufen war; auch die Namen von
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