stoßen. Die Wachtposten in den Türmen konnte man aus: räuchern durch die in Brand gesteckten Strohsäcke aus den Schlafsälen. Deszleichen stand unsKarbid und eine Reihe weiterer brennbarer und ätzender Stoffe zur. Verfügung. Alles war beizeiten aus den Lägern des Industriehofes requiriert worden.

Der Hunger wurde stärker; ständig kamen die drei- bis fünfjährigen Kinder zu den Häftlingen in die Baracken, um etwas Brot zu erhaschen. Von den kärglichen Rationen, welche diese erhielten, gaben sie den Kleinen noch etwas ab. Mit der Bekleidung für Frauen und Kinder sah es mehr als trost- los aus, denn für sie war so gut wie nichts in der Effekten: kammer vorhanden. Während des Winters erfroren die Jüng- sten scharenweise, ohne daß die Lagerführung davon irgend welche Notiz nahm.

Weihnachten 1944 rückte heran; es wurde im Lager orakelt, ob man: wohl noch bis zum Fest die Freiheit sehen würde, Nein, es wurde nichts mit der Befreiung, obwohl die Kriegs- lage sich für die zurückflutenden deutschen Heere katastrophal gestaltete. Mit größtem Interesse wurden die Stellungen der Alliierten auf den Kriegskarten sowohl im Westen als auch im Osten verfolgt. Es ging vorwärts von unserm Standpunkt aus gesehen, und ein befriedigendes Lächeln lag auf den Ge- sichtern unserer politischen Kameraden.

Dierussische Front, welche seit langem scheinbar zum Stillstand gekommen war, erhielt neuen Auftrieb; die Nazipresse frohlockte und tröstete, daß die herangezogenen Reserven die Russen sehr:bald zurücktreiben würden. Es konnte nichts passierendenn in Ostpreußen wurde der Volkssturm. vom Greis bis zum Schuljungen:aufgeboten, um an der Grenze Gräben auszuwerfen, in denen die russischen Panzer versinken sollten. Die Führung lag bei den spatenbewaffneten Professoren der Königsberger Universität . Da konnte eigentlich nichts mehr schief gehen.

Mitte Januar brachen die Russen mit elementarer Kraft nach Westen durch die deutschen Linien und umzingelten ganze Armeen. Durch vertrauliche Nachrichten wurde bekannt, daß mit dem weiteren Vorwärtsdrängen der Russen der Feind im Lande, d. h. die Russen und die Politischen, vor allem die bekannten Prominenten unter ihnen, in Massen umgelegt wer- den sollten. Die Nervosität steigerte sich von Tas zu Das.

Eine neue Nachricht, ein neuer Befehl wurde bekannt ge- geben: Alle nicht marschfähigen und invaliden Häftlinge sollten registriert werden, um in den nächsten Tagen mit Zügen nach dem Westen in ein größeres Lager transportiert zu werden, wo es ganzprima sel. Der Name des Lagers wurde nicht be- kannt gegeben. Die in der Effektenkammer beschäftigten Häft- linge mußten die Kleidung der Häftlinge verladen, und sie selbst fuhren in den Waggons mit. Dadurch wurde bekannt, daß der Transport nach Bergen-Belsen im der Gegend von Celle (Hannover ) geleitet würde. Niemand kannte das Lager, doch die SS-Blockführer hatten Auftrag erhalten, die Zu- stände dort in den rosigsten Farben zu schildern. Zwei bis

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