Mit zunehmender Verschlechterung der Kriegslage steigerte sich auch im Lager die Nervosität der SS - Lagerführung und der SS - Wachtmannschaften; sie schienen kein Vertrauen mehr zu den allabendlichen Versicherungen Goebbels über den bevorstehenden Endsieg und die neuen Waffen zu haben, wenn auch sie bei Gesprächen mit den Häftlingen fest behaupteten, daß die sagenhaften neuen Waffen unbedingt den Endsieg in kurzer Zeit bringen würden.
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Das Bild im Lager änderte sich schlagartig wie die Nazis sich immer so nett auszudrücken pflegten als bei den Abendmeldungen am 6. Juni 1944 so nebenbei durch den Lautsprecher bekannt gegeben wurde, daß in der Seinebucht die Truppen der Alliierten gelandet seien. Na, hieß es, sie hätten nur einen Brückenkopf besetzt; der unüberwindliche Atlantikwall und der ,, Führer" würden diesem Spuck schon ein Ende machen. Für uns Schutzhäftlinge, die mit klarem Sinn alles bisherige auf dem Gebiet der Goebbelsschwafelei und die Miẞerfolge der Hitlerschen Kriegsführung erkannten, wurde es nunmehr zur Gewißheit, daß der Tag nicht mehr fern sein konnte, der uns die Befreiung bringen würde. Jetzt hieß es, nur Ruhe und klaren Kopf bewahren.
Mit sichtbarem Interesse verfolgten die deutschen sowohl als die ausländischen Politischen im Lager die im Eiltempo vor sich gehenden Bewegungen der Alliierten, sowohl im Westen als auch im Osten. Man fragte sich, wann wird Hitler endlich das Spiel als verloren aufgeben und die Segel streichen?
Wie eine Bombe platzte am 20. Juli 1944 die Nachricht ins Lager von dem mißglückten Attentat auf Hitler . Was wird man nun mit den Lagerinsassen machen, insbesondere mit den Politischen, an deren Beseitigung den Nazis in erster Linie lag. Wird man eine Großaktion starten lassen, ein Blutbad größten Ausmaßes anrichten und die Politischen nach den bisher bekannten Mustern massakrieren? Wir wurden förmlich auf die Folter gespannt und mußten damit rechnen, daß schon in der kommenden Nacht ein Teil der Politischen , Deutsche wie Ausländer, aus den Betten geholt und zum Erschießen in den Industriehof gebracht würden.
Einstweilen geschah hier nichts. Aber im Lande war es lebhaft geworden. Dort stieg eine neue Aktion ,,, Gewitter", wie auch sehr bald im Lager bekannt wurde. In großer Zahĺ wurden alte Politische, Angehörige der sozialdemokratischen und kommunistischen Partei, ins Lager gebracht, zumeist frühere Mitglieder gesetzgebender Körperschaften. So landete eines Tages auch der frühere Oberpräsident von Schlesien , Hermann Lüdemann, bei uns, jedoch in einem derartigen körperlichen Zustand, der befürchten ließ, daß er die kommenden Tage nicht überleben würde. Jahrelang hatte man ihn durch die Gefängnisse und Konzentrationsläger geschleppt. Hier traf ich ihn wieder als menschliche Ruine; Karl Vollmerhaus vom Arbeitseinsatz kam mit ihm zu mir. Wie allen politischen Freunden geholfen wurde, so wurde auch ihm Hilfe und Pflege zuteil, damit er zu Kräften kam und bei der Evakuierung mit uns zusammen das Lager verlassen konnte.
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