22. Kapitel

Sollte das deutsche Volk an dieser Aufgabe zerbrechen, ich würde ihm feine Träne nachweinen- es hätte das Schicksal, das es verdient.

Hitler , Weihnachten 1944 ( angesichts des kommenden Zusam­menbruchs).

Chaos

Tag und Nacht heulten unablässig die Sirenen, Tod und Verderben kündend. Auch das KZ kannte die Sirenenwarnrufe, die von Oranienburg und weiterer Umgegend ins Lager hin­überschallten. Wir sahen die Bombenflugzeuge in Myraden über uns hinwegziehen: Richtung Berlin , um dort ihre tod­bringenden Ladungen abzuwerfen. Auf den überflogenen Strek­ken leuchteten die hohen Feuergarben auf, und die nachfolgen­den Explosionen kündeten, wo der Tod furchtbare Ernte hielt.

Der Luftschutz des Lagers trat automatisch in Funktion, und rein mechanisch wurde der Dienst von den Häftlingen getan. Es gab keine Aufregung. Was konnte ihnen noch groß passieren, ihnen, denen täglich der Tod durch die SS - Verbrecher drohte. Die Lagerinsassen fürchteten nicht so sehr um ihr wie die Lagerführung. Die tapferen ,, Führer", denen die Kommandantur nicht hinreichend Schutz zu bieten schien, weil die gut gezielten Bomben auch eben außerhalb des Lagers ganze Arbeit machten, sie flüchteten mit ihren SS - Mätressen ins Lager zu den Häftlingen, wo sie ihre geschützten Unter­stände bezogen.

Warum? Es war bekannt, daß das KZ für die Alliierten Tabu war, eine Stätte, die nicht von ihnen angegriffen wurde. Sie wußten hier die Opfer der SS zusammengepfercht aus allen Ländern und Nationen. Diese Unglücklichen schützten die alliierten Flieger; vorher warfen bereits die Erkundungs­flugzeuge Leuchtkugeln in der Umgebung des Lagers ab, damit die nachfolgenden Bomber das bezeichnete Lager- Dreieck nicht mit der todbringenden Last belegten.

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