EinGang durch die Dysenteriebaracke gewährte den wenigen, die diese Stätte des Todes betreten durften bzw. sich hinein- wagten, den Totentanz in allen Stellungen, wie sie selbst die Phantasie eines Holbein, Rethel oder anderer Maler nicht wie- dergegeben hat, Sich an die Bettpfosten klammernd,. wankten die lebenden Skelette zum Abort bzw. versuchten diesen noch zu erreichen. Meist schon nach wenigen Schritten, die ihre schon willenlosen Beine machten, brachen sie nach kurzen Todeszuckungen zusammen, sie hatten ausgetanzt.

Ein Blick in die Lagerstätten dieser Dysenteriekranken, die zumeist noch mit fünf in zwei nebeneinander stehenden Betten, die Todesschubfächern elichen lagen, zeigte die erschül- terndsten Bilder. Nur Totengesichter blickten uns an. In drei, oft vier Lagen übereinander waren die Todesspfer zusammen- gepfercht, außerstande, sich noch zu bewegen, geschweige sich zu erheben, Ihre Bedürfnisse verrichteten sie unter sich, und die Darunterliegenden waren gezwungen, sich in deren und in ihren eigenen Ausscheidungen zu wälzen. Die Leichenkarre unterhielt zwischen dieser Baracke des Todes und dem Leichen- keller dauernden Pendelverkehr. Kein Film konnte diese Szenen wiedergeben.

Nicht weniger furchtbar waren die Zustände in der Ba- racke, welche die mit Phlegmonen und sonstigen eiternden Ge- schwüren Behafteten beherbersten. Schon beim Eintritt emp- fing alle eine unbeschreibliche Atmosphäre, die sich selbst in Worten nicht wiedergeben läßt. Durch die Fugen der Bettkisten tropfte der Eiter auf den Boden; denn für die Ärm- sten war nicht einmal das Papierverbandsmaterial vorhanden; selbst die ersatzmäßig benutzten Klosettpapierrollen für Ver- bandszwecke gab es nicht mehr.

Die nächstfurchtbare Stätte des Massensterbens war die Baracke für die Tbc-Opfer. Hier sei eingeschaltet, daß diese drei aufgeführten Baracken die Masse an Opfern für die Gas- kammer hergaben; man ersparte den Umweg über den Leichen- keller, der im Laufe der letzten Jahre unter der neu errichteten Pathologie eingerichtet war und bei weitem nicht den an ihn gestellten Ansprüchen genügen konnte.

Die Pathologie mit Sezierraum bot ein weiteres grausiges Bild: Eine Unzahl von Toten, die hier hineingeschafft wurden, um zu Skeletten verarbeitet zu werden; denn der Skelett- handel war für die SS eine der besten Einnahmequellen. Neben den vollständigen Skeletten wurden hier besonders geformte Schädel für den Verkauf an Interessenten, die nicht immer wissenschaftliche Institute waren, bereit gehalten. Die vielen Abnormitäten, welche sich unter den Tausenden von Häftlingen befanden, waren nicht lange im Lager. Wenn sie beim Appell und sonstwo auffielen, wurden sie in den Krankenbau ‚beordert zar Untersuchung und erhielten eine Spritze, die sie schon sehr bald in ein anderes Lager, d.h. ins Jenseits beförderte ein anderes Bild des Totentanzes.

Hier ein Beispiel: Am 24. 1. 1942 kam ein Heinrich Kuhne mit starker Rückgratverkrümmung als Zugang ins Lager. In der Totenmeldung vom 8. 3. 1942, also schon nach wenigen

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