,, Ich möchte das Mißverständnis aufklären", begann ich, aber ein gutgezielter Kinnhaken drängte mir den Rest des Satzes in die Kehle zurück.
,, Hau ab! Ich habe keine Lust, euretwegen etwas abzukriegen. Marsch in die Reihe!"
In meiner Abwesenheit wurde mein Platz besetzt und ich war gezwungen, mich als erster aufzustellen. Nach einigen Minuten schrie der Torhüter, welcher durch eine Lücke im Tor die Lagerstraße beobachtete:
,, Der Lagerführer kommt!"
Rudolf brachte nervös seine Jacke in Ordnung, riß die Mütze vom Kopf und schrie uns zu:
,, Achtung! Noch tiefer in die Knie!"
In der nächsten Minute leuchteten im offenen Tor die grünen Uniformen der Eintretenden auf. Es waren lauter ,, Prominente" aus Auschwitz . Allen voran schritt der Nachfolger von Fritsch, der Lagerführer aller Auschwitzer Lager, SS- Hauptsturmführer Aumeier, eine unscheinbare Gestalt in glänzenden Stiefeln, mit einer riesigen Pistole, die vom Koppel bis an die Knie herunterhing. Ihm folgte der Arbeitsdienstführer SS- Hauptsturmführer Schwarz, dahinter SSUntersturmführer Heßler, SS- Hauptscharführer Palitsch, Fitze, der Chef der politischen Abteilung", Kriminalobersekretär, SS- Untersturmführer Grabner und zuletzt nser Block- und Kommandoführer Moll, Eine kurze Meldung des Blockältesten. Aumeier schreitet mit energischen langen Schritten die Front des Blocks ab, was bei seiner. kleinen Gestalt etwas komisch aussieht. Er bleibt einige Meter vor mir stehen. Hinter ihm hält gehorsamst die Meute seiner Leibgarde. Ich fühle deutlich ein Würgen in der Kehle, ein erstickendes Gefühl beim Einatmen der Luft. Aumeier stützt theatralisch seine Hände in die Hüften.
"
,, Ihr verfluchten Banditen!" fährt er uns an. Er hat eine fistelnde, kreischende Stimme. ,, Einen Aufruhr wolltet ihr machen, was? Er atmet schneller. Man merkt, wie er sich an seinen eigenen Worten erhitzt. Ich werde euch einen Aufruhr zeigen, ihr verfluchten Hunde!" Er bricht für einen Augenblick ab, schaut mit seinen kleinen, beweglichen Augen auf die Reihe der Hockenden, und plötzlich ist er mit einem Sprung bei mir. In demselben Augenblick fühle ich, wie mir das Blut in den Kopf schießt. Es wird mir schwarz vor den Augen. Das alles dauert einen Bruchteil einer Sekunde. Schnell beherrsche ich mich und hebe meinen Kopf etwas höher. Aumeier ergreift den Häftling, der neben mir in hockender Stellung 6itzt, am Kragen. Er reißt ihn hoch:
,, Na, du tollwütiger Hund! Sag' mir, wer den Aufruhr vorbereitet hat?" Seine knöcherne kleine Hand knöpft in der Zwischenzeit das
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