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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
Entstehung
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losigkeit wurden wir hineingetrieben. So müde wie ich war, weiß ich doch genau, daß mir ein Gedanke durch den Kopf ging und ich dachte:

90, Gottesmutter, wie der1.Mainunan gefan- gen hat, das weiß ich jetzt; jetzt bin ich einmal gespannt, wie er enden wird.

Dieses war an diesem Tag mein einziges Morgen- gebet; denn wir waren viel zu erschöpft, um über- haupt zu denken. Stumpf.trottete die lange Häft- lingskolonne wieder ihres Weges. Wir gelangten° bald nach Bad Tölz und wurden nun am hellichten Tage durch die Stadt getrieben. Offenbar war es der SS darum zu tun, uns möglichst schnell ausder drohenden Umklammerung durch die Amerikaner zu treiben. Längst schon war unser Weg nicht mehr südwärts, sondern ostwärts. Und wäre es gelungen, uns wirklich durch die Lücke, die sich schließende Lücke, hindurch zu bringen, so hätten wir gewiß weitere Tage Gewaltmärsche machen müssen.

In Tölz , das offensichtlich von Evakuierten über- völkert war, bildeten die Menschen an unserem Wege zu beiden Seiten Spalier. Stumm standen die Leute und starrten uns mit schreckerfüllten Augen an. Man sah ihnen das Mitleid an, doch wagte keiner für uns einzutreten. Es war auch zwecklos. Ein paar Frauen, die versuchten, uns Brot zu geben, wurden

von der SS mit lautem Schimpfen zurückgetrieben,

die ohne weiteres mit Kolben wieder auf die Ge- fangenen einschlug. Oberhalb der Stadt wurden wir an derJunkerschule der SS vorbeigetrieben und hier gab es eine Rast auf dem Wege.

Schon stieg bei uns wieder die Hoffnung, daß wir vielleicht hier unter Dach gebracht würden. Wir lehnten uns erschöpft an die Mauer. Den Schnee kratzten wir uns von der Mauer zusammen, um den quälenden Durst zu löschen. Die letzte Verpflegung, !/s Brot, hatten wir am vorhergehenden Tage be-

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