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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
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Wir lagerten nämlich bis zum Abend. Dann aller­dings war sich die SS wieder ihrer Sache sicher. Wir konnten aber an dem Abend nicht weiter und waren auch noch am folgenden Tag auf unserem Rastplatz. Die SS wartete auf Befehle von oben. Der Aufent­halt dieser zwei Tage hat uns gerettet.

In der ersten Nacht hatten wir ein aufregendes Er­lebnis. Die SS machte eine Razzia auf Russen, unter dem Vorwand, die Russen hätten das Lebensmittel­magazin überfallen wollen. Sie trieben unter wüsten Kolbenschlägen alle Russen an einen Ort zusammen. Bei geringstem Zögern schossen sie wild drauf los. Ich hörte am anderen Morgen, daß mehrere Häftlinge zwei Massengräber ausheben mußten, wo die Toten verscharrt wurden. Hierbei fragte ich:" Wo bleiben denn die Toten, die es unterwegs gegeben hat?" und erfuhr, daß diese von einer Aufräumungskolonne jeweils seitwärts im Walde an Ort und Stelle ver­scharrt würden.

Als wir diesen Rastplatz Wolfratshausen verließen, fand P. Pies, ein Jesuitenpater, von dem ich gleich noch berichten will, nachher noch 28 weitere Tote, die vor Erschöpfung dort gestorben waren.

In der zweiten Nacht hatten wir ein noch aufregenderes Erlebnis. Ich hörte plötzlich den Namen eines Priesters nennen, war sofort hell wach und verstand aus Gesprächsfetzen, daß ein Lastkraft­wagen unter der Leitung des vorher aus Dachau ent­lassenen P. Pies da sei. Er wolle kränkliche und alte Geistliche abholen und ins Revier schaffen. Die Sache verhielt sich so. P. Pies hatte einen Jesuiten­Frater in hohe Offiziers- Uniform gesteckt. Dieser dü­pierte die unteren SS - Führer, indem er vorgab, den Auftrag zu haben, altersschwache und kränkliche Priester in ein Revier zu überführen. In Wirklich­keit wollte P. Pies womöglich alle Priester ent­führen. Die SS wurde durch Austeilung von Ziga­retten und Schnaps gefügiger gemacht. Außerdem lud man Brot für die Gefangenen ab.

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