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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
Entstehung
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will mir etwas zu Gemüte führen. Lasse für einen Augenblick mein Messer außeracht, da ist mir mein Messer gestohlen. Ich suche mein Messer, da ist mir meine Konservenbüchse gestohlen und ich habe das Nachsehen. In der Nacht hatte ein kleiner Pole sich angeboten, mir zeitweilig meinen Rucksack mit un- seren letzten Habseligkeiten zu tragen. Ich hatte ihm viele Dinge geschenkt und er wollte sich dankbar erweisen. Auf unserem Rastplatz war der Pole nicht mehr vorhanden. Durch Nachforschungen bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß er wahrscheinlich auch am Wege zusammengebrochen ist. Ich habe ihn nicht mehr wiedergesehen. Aber auch meinen Ruck- sack nicht. Schließlich war einem aber auch schon alles gleich. Wir versuchten zu schlafen, wurden aber durch eine merkwürdige Unruhe geweckt.|

Inzwischen hat sieh nämlich Aufregendes begeben.

In München war eine neue Regierung ausgerufen, die in ständigen Radiosendungen zur Übergabe auf- forderte. Dadurch unsicher gemacht, wußte die SS nicht, was sie beginnen sollte. Ein Wehrmachts- oefızıer, Dr. DH. aus Köln a. Rh.- wie.ich später feststellte, hatte in einem'kühnen Ent- schluß sich auf seinem LKW. in unser Rastlager her- einbegeben, der SS rundweg erklärt: die Wehrmacht übernähme die Gefangenen. Der Marsch dürfe nicht fortgesetzt werden. Er sei vom Kommandierenden General beauftragt, den Transport zu übernehmen und die SS -Offiziere würden abgelöst.

DieserAufenthaltundderStreich des Wehrmachtsoffiziers, der dazu keinerlei Auftrag hatte, sondern aus eigener Initiative han- delte, wobei er rechnete, daß jeder halbe Tag Aufent- halt unser Leben retten könnte und mit dieser Rechnung hatte er ja auch recht gehabt hat uns dem Tode entrissen.

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