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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
Entstehung
Seite
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Priester ein, um es zu spülen. Das gefiel mir und so bekam er mein Essen, da ich ja selbst nicht essen konnte, täglich. Da war es nun erstaunlich und rüh- rend zu sehen, wie erfinderisch er wurde, um seine Dankbarkeit Zu beweisen. Er verstand kein Wort deutsch , ich kein Wort russisch. Aber Mischa sah doch immer alles. Gleich am ersten Morgen hatte ich vergessen, mir frühzeitig Holzpantinen vom Ge- stell zu besorgen, auf die immer ein Sturm losging. Denn die Pantinen-mußten abends auf ein beson- deres Gestell abgestellt werden, morgens ging dann der Sturm auf die besten los und übrig blieben immer ein paar, die keine oder unmögliche Wracks bekamen, worauf dann die übliche Schreierei der Stubenältesten wobei sie oft mit Schlägen nach- halfen losging. Als es zum Appell pfiff und ich ganz hilflos mich umsah, legt mein Mischa die Hand auf meine Schulter, er war, wie gesagt, bedeutend länger als ich, und hielt mir ein paar Pantinen hin. Er hatte meine Not gesehen und frühzeitig ge- sorgt. Stand ich auf dem Hofe und konnte vor- digkeit kaum stehen, siehe da, auf einmal schiebt mir Mischa einen Hocker zu, den hatte er gestohlen und dabei war er Gefahr gelaufen, eine Tracht Prügel einzuheimsen; denn einen Hocker aus der Stube zu nehmen war ja verboten. Manchen Schlag hat er deswegen einstecken müssen.

Wir standen stundenlang beim Appell und ich mit hohem Fieber. Mir wurde schwindelig und ich wäre wohl zusammengebrochen, auf einmal unterfaßt mich von hinten einer. Mischa hat sich still herangemacht und hält mich nun mit seinen immerhin noch star- ken Armen bis zum Ende des Appells. Ich litt des = Abends an quälendem Durst. Auf einmal kommt, = längst nachdem wir alle auf unseren Pritschen lagen, mein Mischa mit dem Kochgeschirr. Er hat es wun- derbarerweise fertig gebracht, bei dem Stubendienst eiwas Tee zu ergattern. Zehnmal hatte man ihn

mit Püffen davongejagt, das elftemal speist man die

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