IRRE NE
daß es mir längst gestohlen war. Schlafen konnte
“ich in dieser Nacht nicht. Frühzeitig schon wieder
ging ich, bei dem Schein des trüben Lämpchens, das den weiten Raum erhellte, auf und ab. Da sah ich in einer Ecke einen älteren Mann sitzen, den ich als Confrater, als Geistlichen erkannte. Ich stellte mich ihm vor und er stellte sich als Religionslehrer K. aus Aussig vor. Er war 63 Jahre alt und wegen einer Bagatelle zunächst zu mehreren Jahren Ge- fängnis verurteilt gewesen und war nun auch auf dem Weg nach Dachau . Er stand ganz unter dem Eindruck:„Ich werde das nicht überleben“. Als alter Mann, der dazu noch körperlich sehr gebrech- lich war und eine Rückenverwachsung hatte, konnte er die Strapazen, die fürchterliche Umgebung und die dunkle Aussicht nur schwer verwinden. Ich tat mein Bestes, um ihm Mut zu machen. Er war auch sichtlich froh, nun einen Leidensgefährten bei sich zu haben. Am anderen Morgen wurden wir mit einer dünnen Suppe abgespeist und nun mußten die kaum geknüpften Bekanntschaften bereits wieder gelöst werden. Viktor Fl. war an diesem Morgen gänz niedergeschlagen nach der schönen Abendzeit vom Vortage. Ing. H. ging in eine andere Richtung. Wir mußten uns aufstellen und unser Flügelmann war ein baumlanger, unheimlich magerer Russe, der phänomenal dreckig war. Aber sein gutmütiges, feines Gesicht ließ mich ihn immer wieder betrach- ten. Bald sollte ich ihn auch näher kennenlernen.
Wiederum wurden wir gefesselt zum Bahnhof ge- führt und nun im Zuge von der Totenkopf-SS emp- fangen. Waren wir am Vortage einigermaßen an- genehm gefahren, so wurden wir jetzt zu sechs in eine kleine, für zwei Mann bestimmte Zelle ein- gepfercht und eingesperrt. Die Fahrt war langweilig und erschöpfend und unsere Stimmung wurde immer einsilbiger, je näher wir Dachau kamen, und endlich waren wir da.


