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Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
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entbehrt unter diesen Umständen für mich nicht des Humors.

Eine zweite kleine Episode FügungundFüh- rung ist in diesem Verhör interessant. Der Be- amte versuchte mich zu düpieren:Herr, Poieß, geben Sie doch Ihr zweckloses Leugnen auf. Ich habe vor 3 Tagen ihren Pfarrer verhaftet, der sitzt jetzt im Gefängnis von Limburg . Er hat einen Nervenzusam- menbruch gehabt. Der alte Herr hat es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren können: er hat alles ge- standen. Sie haben gemeinsam ausländisches Radio gehört. Dieses hätte mich nun wirklich umreißen können; denn es entsprach der Tatsache, wir haben gehört. Ich hatte ständig, fast täglich ausländisches Radio gehört, und zwar in vollbewußter Absicht. Mir war es klar, daß ich mir mein Gewissen nicht aus den Sonntagspredigten von Herrn Dr. Goebbels bil- den konnte; ich wollte mir mein freies Urteil in keinem Augenblick nehmen lassen. Zudem war ich mit früheren Schülern noch in enger Verbindung, und solche, die jetzt der Wehrmacht angehörten, be- suchten mich oft. Sie hatten Gewissensfragen. Z.B. erinnerte ich mich, daß eines Tages Fr. E. Turowski mit der Frage an mich herantrat:Herr Pater, ist dieser Krieg gerecht? Ich antwortete ihm:Willst du meine Meinung, meine persönliche Meinung, hören?Darum frage ich Sie ja! Hätte ich solche Jungen und solche Fragen mit einer feigen Ausflucht abtun können? Nein, ich wollte mir mein Gewissen bilden nach dem Grundsatz: audiatur et altera pars. So hatte ich täglich gehört und mit vielen darüber gesprochen. Wenn das herausgekommen wäre, hätte ich meinen Kopf dreimal verwirkt:

1. wegen fortgesetzten Hörens ausländischer Sendung und Verbreitung des Gehörten.

2. Wegen Wehrmachtzersetzung am laufenden Band, weil ich in freimütiger Weise mit einer ganzen Reihe von Urlaubern über die Tagesfragen dispu-

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