Druckschrift 
Gefangener der Gestapo / von Wilhelm Poiess
Entstehung
Seite
21
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messe, schaue ich immer und immer wieder auf die- sen Gefangenen. Es ist ein hochgewachsener, schöner Mensch, etwa 3032 Jahre. Ich denke immer: eine fabelhafte Christusfigur. Das kommt von seinem langen, weichen Haar, das ihm bald bis auf die Schulter reicht, und seinem Christusbart, dazu die hohe Stirn, die gerade, fast griechische Nase und die Augen. Ich kann ihn nicht sprechen hören und wir gehen wieder aneinander vorbei. Ich wußte nicht, daß es Dr. Sch., mein. Nachbar Fritz, war.

Drei Monate gehen so vorbei. Ich habe mir auf der Rückseite der Pritsche einen Kalender eingekritzelt, weil man sonst jede Zeitrechnung verliert, Werktag und Sonntag sind unterschiedslos. Nicht einmal das Essen ist besser. Tag für Tag wandere ich in der Zelle auf und ab und auf und ab. Nach 3 Monaten kommen die ersten Veränderungen, die uns zunächst sehr hart bedrücken und dann doch wieder die- gung Gottes zeigen.

Als erstes Ereignis: Fritz wird ins Unter- suchungsgefängnis verlegt. In den Tagen nach seinem Scheiden habe ich wirklich gegen starke Heimweh- gefühle anzukämpfen. Man hat sich so sehr aneinan- der gewöhnt und das Herz will fast mit Gott hadern, daß man sich schon wieder trennen muß.

Als zweites Ereignis: Wir werden verlegt. Offensichtlich haben die Wachtmeister einen strengen Befehl von seiten der Gestapo erhalten, etwa des Inhalts: Sorgen Sie, daß diese Leute keine Verbin- dung untereinander haben. Und so wandere ich auf den obersten Gang in die äußerste Zelle; P. Jung an die andere Ecke, nicht mehr für die Stimme erreich- bar. Wo P. Bange liegt, weiß ich nicht mehr. So ist auch unsere Familie auseinandergerissen und wir sind wieder ganz einsam. Von neuem muß man sich mit dem Gedanken befassen, daß wir um Gottes willen alles, aber auch alles verlassen müssen. Und nun kommt wieder etwas Sonderbares.

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