Schlimm ist drittens der Hunger. Denn obwohl ich nahezu 8 Tage die Gefängniskost kaum anrühre vor innerer Erregung, stellt sich doch endlich das Natur- bedürfnis wieder ein. Man gewöhnt sich auch an die unglaublich schlechte Zubereitung; aber dasschlimmste ist, daß es so wenig gibt: morgens ein maßvolles Stückchen trockenes Brot, mittags eine meist fett-, fleisch- und kartoffellose Rübensuppe(es sollte 1 Ltr. geben, ich erhalte aber meist nur°lı Ltr., wie ich mit meinem Trinkgefäß, das gerade”: Ltr. faßt, wie der Aufdruck bezeugt, feststellen kann), abends wieder ein Stück Brot, das mit Marmelade bestrichen sein sollte, jedoch in der Regel nur Spuren davon auf- weist. Das Essen ist daher monoton der einzige Ge- sprächsstoff, den Gefangene haben, wenn sie- etwa über den Gang sich zurufen:„Wieviel Uhr ist’s?“, „Wie lange noch?“,„Was gibt’s heute abend?“(denn einmal in der Woche gibt es zur Abwechslung eine Suppe— hochbegehrt—),„Kannst du Lebensmittel kriegen mit deiner Wäsche?“-usw., usw.
Außer Hunger, Beschäftigungslosigkeit, Raumenge ist es dann noch die Kälte, die uns zu schaffen macht: Der Boden Beton, die Heizung tritt nicht in Tätigkeit, das Fenster— das nur von Beamten ge- öffnet und geschlossen werden darf— wird nach völliger Willkür geöffnet, bleibt an kalten Tagen stundenlang auf, wird an dumpfig-heißen Tagen ganz zu Öffnen vergessen.
Am dritter Tag meiner Haft fällt eine Seuchen- quarantäne ein. Typhus herrscht im Haus. Das hat unangenehme Folgen. Das Haus wird streng abgeschlossen. Es darf also Wäsche weder herein noch hinaus. Keine Briefe dürfen geschrieben wer- den. So kann ich auch meine Angehörigen nicht be- nachrichtigen. Wochen später erfahre ich, daß mich mein Bruder besuchen wollte, aber nicht vorgelassen wurde. Ein Weihnachtspaketchen, das er der Gestapo abgegeben hatte, erhalte ich nach vielen Wochen. Die Butter ist ranzig geworden. Die Sachen sind ver-
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