dieses Strohsackes. Mir wird fast übel. Langsam fällt mir auch die andere Umgebung der Zelle auf. Sie ist genau 12 Fuß lang und 5 Fuß breit— meine Schuhnummer gerechnet— das sind 4: Schritt. Da ist außer dem Kübel nur noch ein Wandbrettchen mit dicker Staubschicht; darauf ein Waschbecken,°zer- beult und seines Emailles fast beraubt, und eine ebensolche Kanne Wassers. Sonst nichts! Der Boden der Zelle grauer Beton; die Zellenwände unglaublich schmutzig. Nach und nach sehe ich, daß sie über und über mit Inschriften bekritzelt sind. Ich lese:„Tröste Dich mit mir, ich bin schon 3 Monat hier!“— Ein schöner Trost, denke ich. Damals ahnte ich ja noch nicht, daß ich nicht drei, sondern 6 mal 3 Monate in solcher Zelle hausen sollte.— Ich lese an der Türe: „Ein hoher, französischer Funktionär wurde von der SS nach Deutschland verschleppt und liegt hier seit zehn Monaten fern von der Heimat, fern von Frau und Kind“. Ich sehe obszöne Zeichnungen und derbe Aussprüche, finde aber auch kleine Gebete und tief empfundene Gedichtchen. Beispielsweise ist auf die Unterseite meiner Pritsche eingekritzelt ein franzö- sisches Heimwehgedichtchen, offenbar vom Gefan- genen selbst gedichtet, das mich immer und immer wieder ergreift. Die Zelle ist dunkel, die Sonne kommt nicht herein. Da sitze ich nun am Abend des 22. Dezember.
In dieser Nacht mache ich zum erstenmal Bekannt- schaft mit Wanzen; weiß aber nicht, was es ist, das mich da so infernalisch beißt. Ich vermute Flöhe. Ge- schlafen habe ich nicht. Immer und immer wieder lasse ich mir die Möglichkeiten meiner Verhaftung und baldigen Entlassung durch den Kopf gehen. Um 20 Minuten vor 5 Uhr des anderen Morgens werden wir— wie in Zukunft immer— durch den brüllen- den Ruf:„Aufsteh’n! Kübeln!“ geweckt. Ich ordne meine Zelle so gut ich kann. An der Seite steht ein ungefähr haarloser Handfeger. Der Boden ist völlig übersät mit den umherstäubenden Fusseln meines
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