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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
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ein bißchen hysterisch, dann reiße ich mich sachlich zusammen. ,, Bleiben wir noch einen Augenblick im Medizinischen, Herr Doktor. Wie würden Sie den Vorgang der Entlarvung wissen­schaftlich umschreiben?"

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,, Das kann ich wohl nur mit den schwerfälligen Worten gelehrter Sprache tun. Also versuchen wir's. Wir finden bei , entlarvten Individuen, die uns die bewußte Vortäuschung später zugeben müssen, daß doch auch diese bewußten Produk­tionen von dem unerbittlichen Triebwerk psychophysischer Kausalität erfaßt, durch dieselben Gesetzmäßigkeiten der Ge­wöhnung, Einschleifung, Reflexverstärkung, ja der Persönlich­keitsspaltung weiterentwickelt zuletzt genau dieselben Bilder liefern können wie bei den andern Patienten, bei denen von vornherein der echte Triebinstinkt der hysterischen Erkrankung überwog. Ich sehe also keine Notwendigkeit, jede, Entlarvung eines Hysterikers der Laienwelt gleich als Schwindel zu denunzieren."

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Wir sind inzwischen vor die Büste getreten; er hebt den schweren Tonkopf in die Höhe und weist mir eine Signierung am Nackenansatz. ,, Sie lesen hier neben seinem Namen das Wort Caesar. Das ist eine ironische Anspielung auf seine Simulation. Er hatte es in seiner hysterischen Schauspieler­phase nun einmal mit Caesar und suchte mir eine Caesarrolle vorzugaukeln. Man könnte in diesem Komplex eine mehr oder minder bewußte Karikierung des Militarismus suchen."

,, Wollen wir hoffen, daß sich der soldatische Wahnsinn jetzt in Deutschland ein für allemal totgelaufen hat." Ich bin in die düstersten Gedanken hinabgetaucht. ,, In einem Blutsumpf ist die schimmernde Wehr versunken. Es war ein Untergang in Unehren. Als Wüterich gegen die eigene Nation vollendete sie das Zerstörungswerk, diese unsere letzte Führergarnitur mit Achselstück. Ohne Rücksicht darauf, was aus dem total ver­führten Volke wird, sprengte sie noch in erbärmlicher Helden­angst vor der Katastrophe die letzten Brücken und Vorrats­kammern. Ihre Ehre hatten sie freilich schon längst bei den Massenmorden an Millionen von Wehrlosen auf ewig besudelt. Fluch und Schande! Ach, es ist grauenhaft, daß Deutschland durch seine ererbten Kriegerinstinkte so unbegreiflich in Schuld geriet."

Mit tiefem Seufzer breche ich ab und starre auf den klaren, festen Männerkopf, den ein deutscher Künstler mit den Hän­den formte, die ihm zur Würgearbeit für Hitler zu schade waren.

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