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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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ist alles gut gegangen, aber dann bin ich vor Freude lang hin­gefallen."

Über dem Rucksack hat sie die nach Soldatenart gerollte Decke wie zwei Flügel quergespannt. Dazu trägt sie einen schnittigen Tuchmantel mit raubtiergrellem Ozelotkragen. Wahrhaftig, sie sieht katzenhaft verwegen aus.

,, Und nun vor allem eins. Wer lebt?" Ich frage in beklom­mener Vorsicht, um wenigstens doch etwas Tröstliches zu hören. ,, Sie leben alle, alle. Sogar die beiden Achtzigjährigen sind munter. Die treue, Käthe ist immer noch bei ihnen. Mutter läßt sich sogar wieder ein neues Kleid machen. Käthe hat für die russischen Soldaten Wäsche gewaschen und dafür Brot und sogar Fleisch für alle drei bekommen."

Dann muß die Reisende zwischen den deutschen Welten im Zusammenhang erzählen. ,, Also denke dir, sogar das Häuschen ist uns treu geblieben, obwohl doch um Frohnau zuletzt nach OKW - Bericht auch noch die Artillerieschlacht tobte. Jetzt ist der Ort französisch, vorher war er russisch. An unserm Garten­tor hängt ein Schild: Die Besitzer dieses Hauses, Dr. Schultze­Pfaelzer und Frau, wurden 1943 von der Gestapo verhaftet und dem Volksgerichtshof überwiesen. Sie sind bisher aus der Gefangenschaft noch nicht zurückgekehrt. Das wurde von den Siegern respektiert. Sie sind doch unsere Befreier. Eine kurze Zeit haben russische Offiziere das obere Stockwerk be­wohnt. Sie stellten unten auf den Schreibtisch zwischen unsere Bilder einen Blumenstrauß und wünschten uns glückliche Rückkehr."

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,, Also auf den Rosenholzschreibtisch", unterbreche ich ver­gnügt ,,, in dem die Gestapo das verräterische Kohlepapier ge­funden hat. Das Rosenholz stach ja noch dem verflossenen Freisler in die Nase. Jetzt können wir drüber lachen."

,, Die Eltern", fährt sie fort ,,, erfuhren erst Ende August, daß wir noch leben. Man hatte uns schon ziemlich aufgegeben, denn sie hatten ja von den furchtbaren Leichenbergen der poli­tischen Gefangenen gehört. Nun kamen die Gratulanten, auch dein Anwalt meldete sich, er gestand, er hätte den Erfolg deiner Rettungstour doch nicht für möglich gehalten, es sei wie ein Wunder. Ach, und nun habe ich wieder oben im Schatten deines Kopfes geschlafen, nein, er ist nicht geklaut. Sogar dein Frack und dein Pelz sind noch da und mein Blau­fuchs. Aber die Hauptsache, du bist da."

Ich müßte mich mitfreuen, doch meine Gedanken sind schwer.

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