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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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ist schrecklich", sagt sie sie zu mir ,,, daß man keinem Menschen mehr befehlen kann. Immer muß man sich bedanken. Ich halte das nicht länger aus."

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Was willst du", beschwichtigt meine Frau. ,, Sei froh, daß du lebst und frei bist, das ist heute viel."

,, Du hast gut reden", widerspricht die Kleistin. ,, Du hast wenigstens noch einen Mann. Ich denke, deiner läßt sich ganz gut um den Finger wickeln." Dabei sieht sie mich liebevoll an, ich versuche verbindlich zu lächeln, und meine Frau läßt ein drolliges Räuspern hören.

Vier Stunden später, als wir beide schon zu Bett gehen, klingelt es an der Wohnungstür. Ich öffne, draußen steht dic Kleistin mit einem Herrn.

,, Das ist mein Mann", sagt sie atemlos. ,, Er ist wieder da." Also die Tschechen haben ihn nicht erschlagen, wie ja auch Odysseus der Zyklopenkeule entging und meine Wenigkeit dem Satan in der roten Robe. Auf jede Ilias folgt eine Odyssee. Auf allen deutschen Landstraßen spielen sich jetzt Millionen von Odysseen ab.

Unser Odysseus aus dem Geschlechte Kleist ist schon über vier Kontinente gewandert, er besitzt sechzehn Autoführer­scheine, darunter amerikanische, indische und chinesische. Aber er hat dabei niemals den Herrenfahrer verleugnet, und er reiste, um zu erkennen, daß alle Wege wieder nach Hause führen. In welches Nachhause? Ja, er ist trotz allem ein preußischer Junker geblieben, ein pommerscher Krautbaron. Die Rasse ist nicht kleinzukriegen, auch wenn sie Umwege über Honolulu und den Hitlerismus macht.

Natürlich ist der Junker Kleist ein scharfer Gegner der Agrarreform in Ostelbien. Kann man es den Betroffenen ver­übeln? Nun, auch meine Frau gehört zu den Verlierenden. Aber wir haben uns damit abgefunden, daß auch alles Erbe einmal endet. Wir schlagen uns freiwillig auf die Seite der Notwendig­keit. Denn es ist diesmal wirklich notwendig, dem historischen Großgrundbesitz in Deutschland den Garaus zu machen. Wo geschichtlicher Ablauf verspätet nachexerziert wird, geschieht das nie mit Samthandschuhen.

,, Es handelt sich gar nicht um uns", erklärt der Vetter ,,, es handelt sich um den Lebensbedarf der Nation. Die kleinen Höfe produzieren zu wenig, wir brauchen Getreidefabriken."

,, Aha, mein Lieber", pariere ich ein wenig ironisch. ,, Die gottgewollten patriarchalischen und autoritären Bedürfnisse

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