mußte? Wahrscheinlich ist sie längst zu grauer Pferdemager- wurst verarbeitet. Ja, so vergeht die Glorie dieser Welt, und nur der Adel bleibt, der uns aus Geist und Herzen kommt.
Wie würden wir ihr helfen, wären wir nicht selber noch so hilfsbedürftig. Indessen irgendeine Kleinigkeit erobere ich fast täglich zur Huldigung für unsere schöne Kusine, ein paar Bonbons oder eine frühe Saftbirne. Ich möchte sie füttern, wie man einen kostbaren Hausvogel füttert. Aber sie nimmt es nur für die Kleinen.
Die Gesichter dieser lieblichen Kinder hat die Not dieser letzten Monate schon allzu wissend gemacht. Manchmal ist mir, als müßten wir wohlmeinenden und doch so ohnmächtigen Er-
“wachsenen uns vor den forschenden Augen solcher Kinder
fürchten.
Der Zeiger des Jahres rückt langsam weiter über das ver-
worrene Zifferblatt. Alle warten und lauschen, doch niemand weiß, worauf. Das Zeitgesicht ist schmerzend verschwollen. - Der Fernblick durchs Fenster streift schon die ersten leeren Stoppelfelder. Von der buschigen Weide fallen die schmalen Blättchen lederbraun. Es regnet unerbittlich. Wir fühlen zum ersten Male die Neige des Jahres. Womit werden wir uns wärmen? Die Sorge sitzt mir im Nacken wie das Rheuma aus dem Keller der Prinz-Albrecht-Straße. Die schöne Kusine gleitet aufs Sofa. Ihre Schenkelwunde brennt, das Geschoß des Tieffliegers hat das Nervengewebe zerrissen, und bei schlechtem Wetter spürt sie jede Faser. Sie muß sich langlegen, ich hole meine alte graue Zuchthausdecke und packe sie ein. Hinter ihrer samtbespannten Stirn tobt ein Wogenprall von Ge- fühlen und Gedanken. Ich vernehme ihren stummen Schrei. Sie will nicht arm und alt und elend sein, sie mag noch nicht verzichten.
„Annemarie, du mußt wieder heiraten‘, tröste ich.„Eine Frau wie du.‘
Sie sieht mich dankbar, beinahe zärtlich an und bittet um eine Zigarette. Ich denke, sie wird doch keinen Pisepampel heiraten, und die andern sind meistens tot.
„Wir wollen doch um sechs zur Schneiderin gehen“, sagt meine Frau, mit emsiger Nadel über ihre Stickerei gebeugt. Wer sie jetzt so sprechen hört, würde ihr kaum zutrauen, wie sie einmal mit Freisler gefochten hat, der ihr erklärte, viele von ihrer Sorte dürften ihm nicht kommen.
Annemarie hat heute kein Interesse an der Schneiderei.„Es
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