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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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mehr." Sie möchte kein geistiges Preziösentum bei mir auf­kommen lassen. ,, In der Demokratie kann doch schließlich jeder sagen, was nottut."

,, Du irrst." Mein Einspruch klingt schmerzlich. ,, Gewiß, jetzt könnte jeder bekennen, was er meinen muß. Aber wer wagt es? Eingestehen, daß auch unsere bisherigen Vorstellun­gen bis in ihre Wurzeln abgestorben sind, das ist sehr, sehr schwer! Sieh mal, nicht nur Hitler war auf falschem Wege. Die meisten Deutschen haben sich dreißig Jahre über die ge­schichtliche Stunde getäuscht. Aber Lenins unheimliche Pro­gnosen für Europa sind eingetroffen! Was folgt daraus? Ach, wir werden die Frage heute nicht lösen. Ich habe Urlaub von der Politik genommen. Aber morgen suchen wir eine neue, echte Welt."

Wir müssen uns beeilen, daß wir noch rechtzeitig ins Zuchthaus zum Essen kommen. Es soll doch heute süße Grießsuppe geben.

Unterwegs gesellt sich zu uns ein ehemaliger Leidensgenosse; er macht an diesem heiteren Sommertage ein Gesicht, als er­warte er in nächster Minute den Weltuntergang. Seinen Vater haben sie noch im Januar zum Tode verurteilt und hingerich­tet, er selber kam mit sieben Jahren Zet davon. Verdunkelt ihm des Vaters blutiger Schatten das Licht der Freiheit? Wir suchen nach helfenden Worten.

,, Da lest", stößt er rauh heraus und zieht ein zerknittertes Briefchen hervor. Es ist ein Gruß von der Mutter, ein heim­wärts wandernder Landser hat den Brief als schwarze Post befördert.

,, Du machst ja Augen wie Suppenteller", sagt meine Frau, die mich beim Lesen beobachtet.

,, Wenn ihr beide hops gegangen wärt, hätten eure Hinter­bliebenen dafür noch neunhundertsechzig Eier berappen können", sagt unser Zuchthauskamerad mit bitteren Mund­winkeln. ,, Aber ihr seid ja Leute mit dicken Moneten, da hätten eure Erben einfach' nen Scheck geschrieben, und die Spesen für die Guillotinearbeit wären gedeckt gewesen.'

"

,, Spesen für die Guillotine? Was ist das mit den neun­hundertsechzig Mark?" fragt meine Frau in begriffsstutziger Besorgnis.

,, Stimmt schon", entgegne ich spitz. ,, Stimmt genau. Die Hinrichtung kostet pro Nase vierhundertachtzig Mark, hätte für uns beide neunhundertsechzig Mark ausgemacht. Übrigens sind gelungene Operationen in Kliniken, bei denen der Patient

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