Druckschrift 
Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
Seite
254
Einzelbild herunterladen

die zerzausten Fichten glutet draußen das Abendrot. Die Ama­zonen begleiten mich zur Drahtsperre. Über die blauen Kronen streicht ein Eichelhäher.

" 1

Wer hat dich, du schöner Wald", trällert ein Mädchenmund. ,, Abschied von der NS- Baumgemeinschaft", lacht meine Frau, ,, nun haben wir wieder unsern Wald."

,, Der Witz ist schon so alt wie Methusalem", spottet die Trude.

,, Laẞt mal, Kinder", sage ich ,,, der Witz ist nicht nur alt, er ist auch schon reizlos, weil er nicht mehr verboten ist. Aber wir sind wieder jung, seit die unechten Gemeinschaften auf­gehört haben."

Zu Pfingsten sollen wir völlig frei sein, so hat es uns der amerikanische Captain im Zuchthaus versprochen. Aber der deutsche Amerikanismus kommt nicht vom Fleck. In den Direk­tionszimmern von St. Georgen tagen mit vielen Tintenstiften die Prüfungsausschüsse. Wir Hochverräter gelten als Vorzugs­klasse, wir sollen nun eigentlich ohne weiteres einwandfrei sein. Ein Hochverräter muß gestehen, daß er früher einmal Sturmführer der SA gewesen ist. Soll er nun verdammt oder belohnt werden? Ist er zum Faschisten oder zum Antifaschisten zu stempeln? Die Frage wird zum Konflikt wie alles in Europa , und die Ansichten darüber sind leidenschaftlich geteilt.

Noch ehe wir alle Freiheitspapiere in der Tasche haben, treibt uns die Ungeduld in die überfüllte, zu einem Drittel zerstörte Stadt, die uns sehr zwiespältig zwischen offenem Argwohn und unaufrichtiger Freude empfängt.

Eines Abends liegen auch wir beide wie unverhofft in zwei weißen bürgerlichen Federbetten. Hei, wie gut man sich in den warmen, weichen Hüllen wälzen kann! Wir gehen auch weiter­hin nach den dampfenden Zinkkesseln des Zuchthauses zu den Mahlzeiten, unser Dasein kreist um Schlafen, Essen, Frühling und Lektüre. Die Kleiderfrage bewegt uns noch nicht, man ist noch an das graue Zuchthaushemd gewöhnt und an das schwarze ,, Ehrenkleid" mit dem gelben Schandstreifen.

Ich betrachte die Welt unter dem Gesichtspunkt der Atem­pause. Zeitungen gibt es nicht, und das Radio bietet nur ein abgerissenes Chaos von Greuel- und Katastrophengeschichten. Wir sitzen im alten Hofgarten unter den weißen Festleuchten der blühenden Kastanien. Durch die schnurgeraden Alleen

254