Wieder beginnt die Nervenphantasie bei jedem Krachen und Klirren mit Hochdruck zu arbeiten. Gewännen die Hitlerianer auch nur für wenige Stunden noch einmal die Oberhand, so wäre das unser sicherer Tod.
Im ersten sonntäglichen Morgenlicht fühlt man sich wieder von den Wogen der Freiheit gehoben; man geht von Zelle zu Zelle, um einander mit drastischem Händeschütteln zu beglückwünschen. Die meisten sind wieder freiwillig heimgekehrt; einige, die noch gründlicher als wir den ersten Schritt ins freie Leben genossen haben, kehren völlig abgekämpft im Laufe des Sonntags zurück.
Jedenfalls stimmen wir fast alle darin überein, daß es klüger und bequemer, wahrscheinlich sogar interessanter ist, unsere offizielle Freilassung abzuwarten. Allerdings sehen wir uns schon in den Wunschträumen nach ein paar Tagen auf irgendwelchen romantischen Pfaden heimwärts eilen.
Die Tschechen, unsere neuen Herren und Zuchtmeister, empfinden entschieden weniger romantisch. Daß sie gleich gestern abend drei Anstaltsschweinen den Todesstoß versetzten, um uns am Sonntag mittag ein kräftiges Festgulasch zu verabreichen, findet unsern vollen Beifall. Aber sie heften auch an das Anschlagbrett im Korridor allerlei Weisungen, an die wir uns halten sollen, ausschließlich in tschechischer Sprache. Das ist denn zuviel verlangt, und wir erklären unser Unvermögen, Anordnungen auf tschechisch entgegenzunehmen.
Dobrze, sagen sie, dann werden wir alles in der englischen Weltsprache mitteilen! Wir finden aber, daß Deutsch in Deutschland auch noch immer eine Weltsprache sei.
Mit den tschechischen Knastgenossen, die jetzt die Herrschaft über St. Georgen antraten, sind wir im Kampf gegen Hitler verbündet gewesen. Jetzt werden die Beziehungen schwieriger. Das tschechische Grand- Hotel zum befreiten Zuchthaus serviert uns freilich heute ein Schweinsgulasch von gigantischer Kalorienzahl mit tausend braunroten Fettaugen. Auch die Darmkatastrophen sind kostenlos. Im übrigen bleiben wir eingesperrt. Denn die Amerikaner wollen erst prüfen, ob wir wirklich alle Helden und Märtyrer sind oder ob nicht vielleicht der eine oder der andere auch unter demokratischer Sonne ins Zuchthaus gehört.
Einzelne detektivisch Begabte benutzen den neuen Wirbel, um die Speisekammern der bisherigen Beamten einer sachlichen Nachprüfung zu unterziehen. Es ergibt sich schnell, daß
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