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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Warum eigentlich Matrosengasse? frage ich in der alten Neugier meines Journalistenberufes.

Hier war doch mal ein großer See, erklärt die Alte,Es hieß doch St. Georgen am See, und das Zuchthaus war doch mal das markgräfliche Seeschloß. Das hab ich noch in der Schule gelernt,

Merkwürdig, wie sich die Welt verändert. Ich will mich mit dem verwunschenen Seeschloß noch näher beschäftigen. Wozu hat man denn mitten in der Weltgeschichte jongliert,

Die Zweizimmerwohnung, die zur Zeit sechs Menschen beher- bergt nämlich außer der Großmutter und den beiden Enkel- kindern noch drei ausgebombte Tanten, ist warm und blitzsauber. Uns, die wir aus eisigen Gefängniszellen kommen, erscheint sie als der Gipfel der Gemütlichkeit. Wir lassen uns in zwei Polstersitze fallen, wie seltsam das schaukelt, wenn man jahrelang nicht weich gesessen hat.

Dr. M. wäscht sich gründlich die Hände, die noch die Spuren der Pferdefutterrübe trugen, und untersucht die junge SS -Brut mit Hilfe eines Löffels. Kräftige Rasse, aber Angina- verdacht. Eine Hals- und Brustpackung wird schon helfen.

Die Tanten haben derweilen in der Küche hantiert, es duftet nach fetter Kohlsuppe, und da kommt sie schon, wir sind herz- lich eingeladen.

Wer lange Zeit aus waschschüsselähnlichen Gefäßen den Massenfraß geschlungen hat, findet solch bürgerliche Teller? chen spielerisch. Wir essen vier Tellerchen voll, oder es mögen auch fünf gewesen sein, der letzte rechnet als Nachschlag.

Danach fallen wir über die Brotlaibe her, und ein Schmalz- topf hat sich auch noch angefunden. Ein großes Rundbrot, ein Vierpfünder, verschwindet wie Munition im Schlund der Ge- schütze. Der Schmalztopf stammt von einer Schwarzschlach- tung im Fichtelgebirge , man brauche ihn ja jetzt nicht mehr zu verstecken, meint die Wirtin. Wir sorgen dafür, daß ohnehin nichts mehr zu verstecken wäre,

Ja, es ist beinahe Nacht, als wir draußen an der Ecke der Matrosengasse stehen. Dr. M.'beklatscht die Stelle, wo bei ihm in alten Zeiten die Wölbung des Leibes saß, ‚‚Wieder volle Spannung in den Magenwänden! Jetzt fehlt noch der Mokka zum Nachtisch.

Kaum ist ihm das Wort entfahren, da sehen wir schon auf der Hauptstraße eine amerikanische Feldküche dampfen. ‚Poli- tical prisoners? ‚Yes, Sir, welcome, Sir!

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