Das war wie Steinschlag im Hochgebirge. Draußen sausen Gesimstrümmer durch den Hof. Zehn Meter näher, und wir brauchten keine Befreiung mehr. Noch einige Male ducken wir uns im Hagel der Steine, wähnen durch einen geöffneten Ab- grund ins Bodenlose zu sinken.
Alles verfinstert sich draußen in lehmigen Farben des Qualms. Und bald tritt wieder die große, graue Stille ein.
Nachdenklich streicht sich der Doktor über das Kinn:„Nun sind wir wenigstens güt rasiert!"
Aber sie kommen nicht, Erst am Abend gibt's eine Über- raschung. Bei der Nachtkontrolle kommt der Herr Oberver- walter persönlich. Seine Stimme hat alles Metallische ver- loren, sie hört sich an, als klopfe ein Schüchterner an eine hölzerne Pforte.„Nachher darf jeder in den untersten Flur hinuntergehen. Die Zellentüren müssen daher offen bleiben.” Was das ‚nachher‘ bedeutet, verschweigt er diplomatisch.
Eine unerhörte Neuerung, wir vermögen sie kaum zu fassen. Wahrhaftig, die Türen sind offen! Man kann sie nach Be- lieben öffnen und schließen, man kann den Kopf hinaus- strecken, man könnte sogar die Nachbarn besuchen. Bald schleichen wir wie Mäuse an den Wänden entlang, gedämpftes Kommen und Gehen, Begrüßen und Fragen raschelt durch den Korridor.
Von drüben sah man über die Dächer von St. Georgen und weiter über Stadt und Land. Man sah! Jetzt sieht man ein Chaos von Rauch und Staub, von zerrissenem Gebälk und Mauerwerk. In den Hintergründen züngeln gelbliche Flammen, leuchten dunkelrote Horizonte,
In Trümmern liegt Bayreuth . Dies war der Großangriff der Vernichtung. Mußte das sein? Schon am nächsten Tage hören wir: es mußte nicht sein, Der Ami hatte friedliche Übergabe vorgeschlagen, als die deutsche Heeresmacht bei Bamberg auf- gesplittert war. Aber der Gauleiter wollte noch einmal die “heroische Maske wahren. Ohne das geringste Mittel der Ab- wehr, ohne ein Flakrohr, ohne eine Jagdmaschine, gab man die wehrlose Gauhauptstadt völlig zwecklos der Zerstörung preis.
Wir sind ohne Licht und ohne Wasser, wir haben nur Hunger und Hoffnung. In der kalten Finsternis wärmt und leuchtet uns das Gefühl der Gemeinschaft, wir dürfen uns mit vielen Händedrücken finden, mit vielen Gesprächsfäden zusammen- schnüren.
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