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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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Ich recke den Kopf an das halbblinde Fenster hinauf. Die schwellenden Knospen der Kastanien glänzen wie brauner Lack. An den Teichrändern grünen die Gräser. Aus kahlen Zweigen sprieẞt es dottergelb. Ich deklamiere den Osterspaziergang aus Goethes ,, Faust ": ,, Im Tale grünet Hoffnungsblick..." Das Fest der Auferstehung bricht an.

Im christlichen Bayern vergönnt man uns heute Gottsdienst, aber wir sollen aus Sicherheitsgründen nicht in die Kirche hinüber, man hat einen Notaltar auf dem Dachboden hergerich­tet. Zur evangelischen Feierstunde drängen viele, die sich sonst zu keiner Religion bekennen. Ostern ist das große Lebensfest, das Fest der erfüllten Verheißung. Wir glauben an unsere Auferstehung zur Freiheit. Wer nicht glaubt, wird in den aller­letzten Karwochen unseres Leidens nicht durchhalten

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Der Geistliche darf nicht aussprechen, was uns und ihn be­wegt. Wenn er uns ans Herz greifen will, muß er erst einen theologischen Wandschirm vorhalten.

Geisterhaft rauschen die monddurchflossenen Nächte, aber die blassen Tage kriechen auf Schleichwegen, die großen Fügun­gen des Geschehens nehmen einen Anlauf, aber dann sinken sie in sich zusammen, die Zeit schleppt sich stöhnend hin, die Ereignisse stoppen ab.

Die Sirenen der Lüfte klagen und beschwören. Alarm, Alarm, Alarm. Geschwader über Geschwader dröhnen vorüber. Aber die Nachrichten werden wieder flügellahm. Man kämpft noch immer um die Mainbrücken von Würzburg, und im Ruhr­gebiet und in Hessen scheint sich nichts zu rühren. Wird es eine Kampfpause geben? Hapert es mit dem Nachschub?

Doch nun erbrausen wieder die neuen Völkersignale des Ostens. Die Russen überrennen von Ungarn her die öster­reichische Grenze, sie stehen vor Wien , sie durchschneiden von Süden her die breiten Ortsbänder der alten Donaustadt, und nun geht es westwärts auf der Stromstraße des Nibelungen­Schicksals.

Hilfe! Wir verhungern! Das zweite Brotstückchen bleibt aus. Ich setze das Mahlwerk der Kiefer im Leerlauf in Be­wegung, versuche mir einzubilden, ich hätte mürbe Makronen zwischen den Zähnen.

In den wachen Nächten fiebert mein Hirnkasten hegelianische Geschichtsphilosophie, ich wende die dialektische Methode auf unsern Zustand an: Wenn unsere Hungersnöte die Antithese zu den Verheißungen des Dritten Reiches sind, dann muß bald

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