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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
Entstehung
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von oben nach unten?" Ich schweige, was soll ich auch ant­worten, denn wo hier oben und unten ist, ja, das ist doch reine Ansichtssache, und es ist doch völlig gleichgültig, an welchem Ende man anfängt.

Jetzt will er wissen, wo ich herstamme. Ich nenne Berlin , und das reizt den Bajuwaren.

,, Schaut's an, ein Berliner, ich dachte immer, die Berliner sind helle, und Sie können nicht mal links und rechts unter­scheiden." Jetzt beschuldigt er mich schon, links und rechts verwechselt zu haben; die kleine Verleumdung ist psychologisch interessant zustande gekommen. Ich warte geduldig auf weitere Zurechtweisungen, aber er hat genug und bleibt seiner bösen Unlogik treu, wenn er mich abschließend anfährt: ,, Was steh'n Sie überhaupt rum. Denken Sie, wir sind zum Vergnügen da. Machen Sie gefälligst weiter, Sie alter Depp!"

Mein Nebenmann ist ein baumlanger Ingenieur, der kalt­blütig genug war, um jahrelang im Keller seines Laboratoriums eine Bombenwerkstatt zur Versorgung europäischer Partisanen zu betreiben. Diesen Hünen, der mit dem Spaten wie mit Streichhölzern hantiert, möchte der Werkmeister gar zu gerne klein kriegen. Er jagt ihn so lange kreuz und quer durch den Pflanzgarten, bis er mit einer Fußblase hinkt. Dann beäugt er den Fuß von weitem und erklärt, er werde ihn wegen Selbst­verstümmelung zur Anzeige bringen, denn der Fuß wäre heil geblieben, wenn man ihn rechtzeitig mit einer Binde um­wickelt hätte.

Am nächsten Morgen beim Ausmarsch verspricht uns der Himmel wieder einen wunderbaren Tag; noch ist es bitterkalt, und die steifen Hände vermögen kaum die Blechschüssel zu halten. Die Vögel singen heute, als gelte es, den Brautchor aus Lohengrin noch zu übertrumpfen. Frühlingsanfang, stellt einer fest, ja, das Datum stimmt, Frühlingsanfang, wie hoff­nungsvoll das klingt.

Heute sind unsere Sinne nicht mehr allein den Wipfeln und Gipfeln zugewandt, wir sehen auch schon wieder, was auf der Erde kreucht und fleucht. Frauen und Kinder, aus allen Schich­ten und in den ungewöhnlichsten Aufzügen, schleppen Hand­wagen mit frisch geholzten Fichtenstämmen hügelab. Auf die fragenden Blicke bekommt man halblaut zu hören: ,, Mit dem grünen Zeug sollen wir nun Suppe kochen! Ist der verdammte Krieg nicht bald zu Ende?"

Hoher Volksgerichtshof, hörst du das?

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