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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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losen, der die reale Überwindung der Zeit am Stundenschlag nachprüfen will. Warum schlug das siebenmal? Es ist doch höchstens drei. Verfluchte Wirtschaft, dieser falsche Zeiten­schlag im großen Chaos zwischen den Epochen.

Der Morgen schiebt einen dünnen hellen Finger in die Zelle. Das Arbeitskommando rüstet sich. Wenn man nur nicht mit den Riesenpantoffeln kopfüberfliegen wollte. Antreten mit EB­geschirr. Der Wachtmeister ist außer sich in gespieltem Zorn, weil man sich schon das schwarze Krätzchen im halbdunklen Korridor auf den Schädel gestülpt hat.

Abmarsch zur ,, Forstkultur". Wer schwatzt, bekommt kein Mittag! Mit dieser liebenswürdigen Ankündigung führt sich bei uns der Herr Werkmeister ein, der Sachverständige für ,, Forstkultur". Er hat eine niedrige Stirn, ein kupfernes Ge­sicht und flachsfarbene Barthaare. Der Berliner würde sagen, man weiß nicht, ob das Luder dof oder tückisch ist. Bald wer­den wir wissen, er ist beides.

Die Vögel jubilieren im Lohengrinstil, wie es sich für die Musikstadt Bayreuth gehört. Die Stadt liegt mit barocken Zwiebelhauben, mit schweren Firsten und zarten Türmchen, mit grüßenden Säulenportalen und bläulichem Ernst des Buchs­baums wunderschön in den Talkessel geschmiegt, sicherlich viel schöner als die Opernkulissen, wie sie das ungefüge Bühnen­haus dort auf halber Höhe zu bieten hat.

Die Linienanmut wetteifert mit dem Farbenduft der Bay­reuther Horizonte. Diese sanfte Hügellandschaft mit ihrem freundlichen Ausgleich von Nähe und Ferne ist gerade für uns politische Zuchthäusler, die wir in einem äußersten Extrem des Daseins leben, ein schmiegsamer Trost. Für eine Weile sind Hunger, Kälte und schneidende Gelenkschmerzen vergessen.

Der Tannenwald duftet wie ein Drogerieladen. Zwei Jahres­wenden ist's her, seit ich zum letztenmal den Odem der Baum­welt in mich trank.

Aus glühenden Schleiern steigt mit Flammenzungen das Sonnengestirn, die Nebel an den Hängen umranden sich mit feinen Orangebändern. Wir wandeln im Licht. Ein Eichhörn­chen treibt im übermütigen Genuß der Freiheit mit uns, den Gefangenen, seine kecken Scherze, obwohl doch jede Unter­haltung mit uns aufs strengste verboten ist.

Nun haben wir den Pflanzgarten des Forstes erreicht, er liegt auf der Kammebene des Bergrückens und ist sorgfältig mit hohem Drahtgeflecht eingegittert. Ein langer hölzerner Schup­

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