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Kampf um den Kopf : meine Erlebnisse als Gefangener des Volksgerichtshofes 1943 - 1945 / Gerhard Schultze-Pfaelzer
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zerren zwei Wachtmeister seinen Leichnam aus dem Wagen und werfen ihn den Bahndamm hinab. Es ist unser erster, nicht unser letzter Toter am Wege. Ruhrartige Leiden quellen in Kot und Qual. Der Arzt springt auf den Haltepunkten ver­zweifelt von Waggon zu Waggon ; mir bringt er freilich einen lieben Trost und ein Geschenk. Mein gutes Weib hat sich ein Stück Brot für mich vom Mund abgespart und es mir durch ihn mit einem humorvollen Kassiber- Briefchen übersandt.

Unsere Reise geht durch Thüringen auf Süddeutschland zu, man spricht davon, wir kämen in ein bayrisches Zuchthaus." Auch von dem weltberüchtigten Lager Dachau ist die Rede. Wir flüchten vor dem russischen Iwan, aber bald werden wir vom Ami, der am Rande der Pfalz steht, nur noch ebenso weit entfernt sein.

Der Meldegänger Charlie bringt endlich genauere Kunde, und ausnahmsweise stimmt es, was er sagt. Wir kommen nach Bayreuth , in ein großes Zuchthaus, das hauptsächlich mit politischen Ausländern, mit tschechischen, belgischen und fran­ zösischen Partisanen belegt ist.

Also Bayreuth ! Es sind gemischte Empfindungen, die bei dem Namen in mir aufklingen. Für den Norddeutschen, für den Preußen ist Bayreuth so etwas wie eine süddeutsche Ver­wandtschaft, ein kleineres Potsdam in der Fremde. Und dann ist dieses liebliche Tal zwischen Fichtelgebirge und Frankenjura der Musensitz Jean Pauls, des Humorphilosophen und Men­schenfreundes. Ich sehe ihn träumerisch schreiben: in der einen Hand die Leine mit dem weißen Spitz, in der andern das Pfeifenrohr und im Ränzel Liederbuch und Weinflasche.

Aber seinen Weltruf verdankt Bayreuth eben doch Richard Wagner , dem man unbefangener gegenüberstand, als er noch nicht zum Hofopernheros des Dritten Reiches ernannt war. Wagner war ein Mann von höchstem Lebensformat, über seine Musik kann man streiten. Nicht streiten darf man über die widerlich verlogene Art, mit der Hitler, Ley und Goebbels das Erbe des Bayreuther Meisters in die Weihrauch- Drecklinie ihrer Tages- und Massenpropaganda schleppten.

Als Hüterin der Kultur wollte Bayreuth ein kleines deutsches Athen an der Mainlinie sein, doch die Stadt hatte leider Pech damit, zuletzt als Hort der Pädagogik, als Gausitz des infan­tilen Nazi- Schulmeisters Schemm.

Das alles schießt mir durch den Kopf, als Bayreuth zu unse­rem Reiseziel wird. Mein Gott, wie ideenflüchtig die Gedanken

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